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Von Strassen, Spuren und dem eigenen Weg

  • karinfrey3
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Eine Woche Winterferien in den Bergen: was für ein Genuss. Wanderungen im Schnee, klare Luft, mächtige Berge und ganz viel Raum und Zeit, um die Gedanken schweifen zu lassen. Und plötzlich ist er da, der Moment wo sich die Frage stellt, welchen Weg ich nehme: den breit angelegten Winterwanderweg, die schmale Spur - oder wähle ich einen ganz eigenen Weg durch den Neuschnee?



Bei diesen Fragen geht es um Sicherheit und Abenteuerlust, um Selbsteinschätzung und Risikobereitschaft - und sie begegnen uns nicht nur beim Wandern, sondern sind allgegenwärtig. Wie am Berg, gehen wir auch im Alltag meist mehr oder weniger aufmerksam unseres Wegs, bis wir an einer Kreuzung ankommen, die eine Entscheidung verlangt: folge ich dem vorgespurten Wanderweg, mithin also den Erwartungen, die man an mich stellt? Immerhin hat sich jemand die Mühe gemacht, sich einen Weg auszudenken, ihn zu spuren, und ich kann ziemlich sicher voraussehen, was auf mich zukommt.

Vielleicht stelle ich aber fest, dass diese Spur doch recht ausgetreten ist. Dass sie mir zwar Sicherheit verspricht aber auch wenig Abenteuer. Will ich das? Welche Alternativen habe ich?

Da ist eine weitere Spur, ganz offensichtlich wenig begangen. Sie verspricht Naturerleb-nis, ein wenig Einsamkeit, Bergfeeling. Jetzt stellt sich mir die Frage, ob ich mir diese Variante zutraue. Trage ich passendes Schuhwerk? Fühle ich mich einigermassen fit? Steht mir noch genügend Zeit zur Verfügung, um bei Tageslicht anzukommen? Und wohin mag er überhaupt führen, dieser Pfad? Je nachdem, wie ich innerlich "gebaut" bin, lasse ich diese Variante gleich wieder los: zu anstrengend, zu bedrohlich, zu unbekannt. Oder ich erwäge tatsächlich, meiner Neugierde zu folgen. Schliesslich kann ich ja auch wieder umkehren.


Vielleicht aber lockt es mich jetzt erst recht, eine EIGENE Spur anzulegen. Falls ich die Gegend kenne, eine Karte dabei habe oder ein gutes Navi, mich gut gerüstet fühle - warum nicht? Wie schön, den eigenen Impulsen zu folgen, das Abenteuer zu erleben, ganz nah an der Natur zu sein, weit weg von allen Erwartungen und Kompromissen...


Keine dieser Varianten ist gut oder schlecht. Jede kann passen oder nicht, kann zu einer guten oder weniger guten Erfahrung führen. Entscheidend ist, dass ich weiss, was ich will, was mir wichtig ist. Und dass ich einschätzen kann, wozu ich in der Lage bin.


Oft wählen wir die breit angelegten Winterwanderwege einfach so, ohne weiter zu überlegen. Und da kann es passieren, dass uns das Vorhersehbare anfängt zu langweilen. Oder wir merken, dass der Weg in den Schatten führt, wo wir doch so gerne Sonne tanken würden. Oder dass zu viele andere Menschen vor und hinter uns gehen.


Weshalb jetzt nicht innehalten und nachdenken?


Um den passenden Weg zu finden, braucht es:

  • Aufmerksamkeit: Ich realisiere, dass ich mich an einem Kreuzungspunkt befinde und Wahlmöglichkeiten habe.

  • Selbstliebe: Ich bin mir wichtig, kann meine Bedürfnisse wahr- und ernst nehmen.

  • Umsicht bezüglich der Gegebenheiten: Ich kenne meine Möglichkeiten und Grenzen und kann sie in Bezug setzen zu dem, was es jetzt braucht.

  • Kreativität und Vorstellungskraft: Ich finde Freude daran, mir Möglichkeiten vorzustellen und glaube daran, dass ich mein Leben (meine Reise, Wanderung...) gestalten kann.

  • Entscheidungsfreude: Wahlmöglichkeiten erkennen und nutzen - wie toll!

  • Selbstverantwortung: Ich sorge dafür, dass es mir gut geht.

  • Mut: ich gehe nicht unbedacht den bisher eingeschlagenen Weg weiter oder den Weg, den alle anderen gehen, sondern stehe mutig ein für mich und meine Werte und handle auch entsprechend.


"Unser Leben gleicht der Reise eines Wandrers in der Nacht..." sagt bereits ein altes Volkslied. Strassen, Wege, Spuren und den eigenen Weg zu finden sind Bestandteile jeder Biografie. Menschen, die sich Zeit nehmen für eine Biografiearbeit, sind Menschen, die sich bewusst sind, dass sie Wahlmöglichkeiten haben. Sie nehmen sich selbst und ihre Bedürfnisse ernst, loten die Möglichkeiten aus und übernehmen Verantwortung für ihr Wohlergehen. Damit sorgen sie nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Lieben, denn sie entlassen diese aus der Pflicht, sie glücklich zu machen.


Gerade wenn man an einem Kreuzungspunkt im Leben steht, wenn also beispielsweise die Kinder ausziehen, die Pensionierung ansteht, eine Beziehung auseinandergegangen ist oder man eine schwere Krankheit überstanden hat und sich für ein sinnerfüllteres Leben entscheidet, lohnt sich dieses Innehalten: gehe ich den eingeschlagenen Weg weiter? Wähle ich den gut gespurten Winterwanderweg? Erprobe ich einen neuen, schmalen Pfad, weil er meinen aktuellen Bedürfnissen mehr entspricht? Oder spure ich meinen ganz eigenen Weg, weil ich jetzt herausgefunden habe, was ich wirklich will? Meistens folgen auf ein Stück Biografiearbeit keine gewaltigen Neuausrichtungen. Es sind oft kleine Veränderungen, die einen grossen Unterschied machen. Auch auf dem breit gespurten Weg lassen sich ganz eigene Ziele realisieren - vorausgesetzt, man kennt sie.




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