Alte Frauen
- karinfrey3
- vor 2 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Wo sind sie eigentlich, die alten Frauen? Schaut man sich in diesen Zeiten bei Tagesschau, Newsportalen und in Zeitungen um, sieht man eigentlich nur alte Männer. Zumeist in problematischem Kontext, oft mit auffälligem Verhalten, selten rühmlich. Wie bereichernd erscheint mir da ein neues Buch über eine Bevölkerungsgruppe, die mich seit Jahren interessiert und je länger je mehr fasziniert: die alten Frauen. Meine Sammlung umfasst einige wunderbar inspirierende Bücher dazu.

Schon dass die Autorin Verena Lueken im Buchtitel keine Formulierungen wie "ältere Damen", "Seniorinnen" oder "Silverager" verwendet, gefällt mir. Als langjährige Feuilletonredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat sie eine Vielzahl an Künstlerinnen dies- und jenseits des Atlantiks kennengelernt, die sie in ihrem neuen Buch in Form einer "Hommage" portraitiert und uns Leserinnen damit inspirierende Lebenentwürfe vorstellt, die Lust aufs Altwerden und Altsein machen. Sie spricht mit ihnen "...über ihre Arbeit, ihren Alltag, ihren besonderen Blick auf das Leben und Freiheit im Alter jenseits von Jugendwahn und gesellschaftlichen Erwartungen.", wie es der Buchrücken verspricht. Und tatsächlich lernen wir Frauen kennen, die sich bereits im "Pensioniertenalter" entweder neu erfunden oder einfach weitergemacht haben. Altsein ist für sie gar kein Thema, auch nicht mit 80 oder 90 - das ist das besondere dieses Buches. Man mag die Kunstwerke - Bilder, Filme, Bücher - der Portraitierten mögen oder nicht. Darum geht es hier nicht. Es geht darum, dass und wie man als alte Frau in der Welt stehen kann, wie Lebensentwürfe aussehen, die sich weder am Omasein noch am Ewigjungbleiben orientieren. Bereits vor vielen Jahren hat Betty Friedan in ihrem "Mythos Alter" geschrieben: "Das Streben nach Jugend hat uns blind gemacht für die Möglichkeiten des Alters." Die Autorin Verena Lueken fügt diesem Zitat die Überlegung an, die für mich die Essenz dieses neuen Buches über Alte Frauen beschreibt:
" Heraustreten aus dem Koordinatensystem von Jugend und Alter! Und dem Diskurs über das Älter- und Altwerden den Rücken kehren!"
Gerade in Zeiten, da Frauenrechte wieder unter Beschuss sind, da rigide Rollenbilder und überwunden geglaubte Einschränkungen Urständ' feiern ist es wichtig, dass wir Bilder bekommen dafür, wie es auch sein kann. Mit unserem Denken erschaffen wir die Welt - auch mit unserem Denken darüber, wie Lebensgestaltung aussehen kann. Wie erfrischend, wenn sichtbar wird, dass man nicht nur als Exzentrikerin auf Social Media oder als Marathonläuferin bei den über 80Jährigen in Erscheinung treten kann, sondern als Mensch, der etwas zu sagen hat. Und es auch sagt.
Mich haben solche Frauenportraits geprägt. Bereits als Studentin der Geschichte spezialisierte ich mich auf die damals noch junge Sparte der Frauengeschichte, erforschte Schriften der mittelalterlichen Mystikerinnen und staunte darüber, wie sie es fertig brachten, sich auf diesem Weg auch Frei- und Denkräume zu verschaffen. In meinem Bücherregal haben sich unterdessen viele Biografien angesammelt von Frauen, denen wir viel verdanken und die uns Vorbild sein können. Nicht immer und nicht unbedingt in dem, was sie uns inhaltlich hinterlassen haben. Aber in der Art und Weise, wie sie ihren Weg gegangen sind.
Falls du selbst dabei bist, DEINEN Weg zu finden und zu gehen und dich von Weggefährtinnen, die uns vorangegangen sind, inspirieren lassen möchtest, empfehle ich dir - nebst den gängigen Biografien - diese Bücher. Sie zeichnen Portraits verschiedener Frauen, von denen wir lernen können, wie man das Leben als (alte) Frau auch noch gestalten kann.
Hanna Gagel: SO VIEL ENERGIE - Künstlerinnen in der dritten Lebensphase. Aviava-Verlag 2022
Daniela Kuhn: LEDIG UND FREI - 12 Lebensgeschichten von Frauen, die nicht geheiratet haben. Limmat-Verlag 2013
Heidi Witzig: WIE KLUGE FRAUEN ALT WERDEN - Was sie tun und was sie lassen. Xanthippe-Verlag 2008
Viel Spass beim Lesen. Und vielleicht verändert sich dadurch auch dein Blick auf Frauenleben - dein eigenes, dasjenige deiner Mutter und Grossmütter, dasjenige von Frauen allgemein, die ihren Weg gehen. Es braucht ein wenig Aufmerksamkeit, dass man sie entdeckt im Getöse des Weltgeschehens. Aber es lohnt sich.




Kommentare