Kreative Lebensgestaltung: wie geht das?
- vor 10 Stunden
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Viele Menschen leben ein Leben, das sie nie bewusst gewählt haben. Es hat sich so entwickelt. Natürlich gab es da Entscheidungsmomente: Berufswahl, Partnerwahl, Hauskauf oder Wohnungsmiete, Wohnort - je nach Gegebenheit waren es bewusste Entscheidungen, oder eben: es "ist passiert", hat gepasst. Aus den vielen Teilaspekten hat sich mit der Zeit ein Leben entwickelt, und man ist angekommen: der Alltag läuft, für einige Zeit ist man zufrieden. Aber dann ertappt man sich immer mal wieder dabei, wie man nörgelt, unzufrieden ist, - eigentlich darauf wartet, dass das Leben sich verändert. Und hier wird es interessant, denn bewusste Menschen warten nicht darauf, sondern gestalten es. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt? Und wie geht man das an?

Mit unserer Geburt werden wir in ein Leben gestellt, das wir nicht bewusst gesucht haben (zumindest wissen wir nichts davon). Die Weltgegend, die Eltern, deren soziale Schicht, die eigene Grundausstattung an Eigenheiten und Gesundheit - es sind Gegebenheiten, die wir nicht wählen konnten, und sie bestimmen die ersten Jahre unseres Lebens. Körperlich und seelisch sind wir existenziell abhängig von unserer Umgebung, und jedes Menschenkind passt sich mit instinktiver Sicherheit daran an. So ensteht eine Persönlichkeit, die eine Mischung ist aus Ererbtem, Erlerntem und Erworbenem.
Spätestens mit Erreichen der Volljährigkeit ist aber der Zeitpunkt gekommen, wo eine neue Bewegung ins Leben kommt: der Wunsch, auf eigenen Beinen zu stehen. Die Ablösung vom Elternhaus beginnt (oder vollzieht sich weiter), man geht in die Welt hinaus und erprobt sich - mehr oder weniger intensiv und eigenständig, aber der Impuls ist für alle wahrnehmbar.
Wenn man sich umschaut, findet man häufig heraus, dass sich bis gegen das 30. Lebensjahr hin die Lebensentwürfe vieler Menschen in unserer Lebenswelt gleichen: Schule, Lehre oder Studium, Reisen, erste Lieben, erster fester Arbeitsort, erster eigener Wohnsitz, feste Beziehungen, vielleicht Kinder.
Vieles scheint vorgegeben. Vielleicht ist man zwar als junger Mensch von zuhause ausgezogen mit dem festen Vorsatz, es anders zu machen, ganz sicher nicht im Hamsterrad zu landen, in dem man die eigenen Eltern erlebt hat, ganz sicher nicht... aber wenn man sich dann um die 30 umschaut merkt man oft - vielleicht mit Schrecken-, dass man gar nicht so unglaublich anders lebt, als es die eigenen Eltern gemacht haben oder andere Menschen der eigenen Altersgruppe es tun.
Die meisten von uns sind zufrieden damit, richten sich ein. Der Alltag ist fordernd, man hat wenig Raum und Zeit, sich um anderes zu kümmern als um die Aufgaben, die der Beruf, die Familie, das gesellschaftliche Umfeld einem stellen. Und das ist gut so.
Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückschaue scheint es mir, dass ich so um das 50. Lebensjahr herum erstmals ganz bewusst wahrgenommen habe, dass ich mein Leben kreativ gestalten kann. Selbstverständlich gab es davor unzählige Momente des Zweifels, der Unzufriedenheit, des Suchens, aber die Rahmenbedingungen erschienen mir als so zwingend, dass sich meine Kreativität auf wenige Augenblicke der Musse beschränkte und vor allem der dringend nötigen Erholung vom stressigen Alltag diente.
Irgendwann aber begannen sich die Wogen zu glätten, ich konnte wieder atmen, mich umschauen - und Bilanz ziehen. "Ich bin jetzt 50 Jahre alt, habe das und das erreicht. Ist es das? Was will noch werden?"
Dieser Moment war einerseits befreiend - andererseits aber auch fordernd. Was macht mich eigentlich wirklich zufrieden? Was nährt mich? Was mache ich nur noch aus Gewohnheit? Muss ich jetzt alle Sicherheiten aufgeben, wenn ich etwas ändern will? Was ist mit dem Älterwerden, mit der Gesundheit? Was mit den Finanzen???
Zum Glück erhielt ich just in diesen Jahren die Möglichkeit eines dreiwöchigen Zusatzurlaubs. Meine Töchter rieten mir intensiv, endlich in die USA zu reisen, endlich den Teich zu überfliegen, endlich. dies oder jenes zu unternehmen.
Für mich aber war eine Reise ins Innere viel verlockender, als die Welt zu erkunden. Und so nahm ich mir ganz bewusst Zeit für diese Standortbestimmung und dem nachzuspüren, was ich wirklich will und wie ich es angehen kann. Auch jetzt wieder schien vieles vorgegeben. Was macht man so um die 50? Reisen (siehe oben:-)). Das Haus umbauen. Noch eine Weiterbildung. Golfen lernen. Fitness. Eine neue Beziehung eingehen. Sich auf das Grosselternsein freuen...
Ich spürte in mir den dringenden Wunsch, meinen eigenen Weg zu finden.
Hinzuschauen, was da ist.
Welche Kompetenzen habe ich entwickelt?
Was kann ich gut?
Was mache ich gern?
Und vor allem: was braucht die Welt
Letzteres war wahrscheinlich der abenteuerlichste Gedanke. Was will und kann ich der Welt, der Gesellschaft zurückgeben? Ich habe so viel Glück gehabt, lebe in so privilegierten Verhältnissen, erfuhr im Leben so viel Unterstützung: was mache ich jetzt damit?
Natürlich war ich damit überfordert.
Aber ich behielt diesen Gedanken im Hinterkopf, während ich mir überlegte, welche Fäden im Gewebe meines Lebens noch frei herumhängen. Was ich also einmal begonnen, aber nicht zu Ende geführt habe. Was mir einmal wichtig gewesen war, ich jedoch liegen liess, liegen lassen musste oder wollte.
Ich glaube, gerade das Bild des Lebensgewebes hat kreative Kraft in mir frei gelegt, und ich konnte mit einem anderen Blick auf meine Biografie schauen.
Wenn mein Leben ein Kunstwerk wäre, wie würde ich es gestalten?
Wenn ich nicht die zu Ende gehende Berufszeit fokussieren würde, also die berühmten "letzten 10 Berufsjahre" (ich habe meinen Beruf mit viel Engagement ausgeübt und mich sehr damit identifiziert), sondern den Beginn einer neuen aufregenden Lebensphase - was verändert sich damit?
Wenn das Pensionsalter am Horizont an Relevanz verliert, was macht das mit meinem Blick auf die vor mir liegende Lebenszeit?
Wie gehe ich um mit meinem Sicherheitsbedürfnis? Was mute ich mir realistischerweise noch zu, was gehört der Vergangenheit an?
Mir kam es vor, als würde ich meine Schätze ausbreiten, sichten, aussortieren, ordnen. Und mit ihnen zu spielen beginnen.
Als erstes nahm ich den Faden "Yoga" wieder auf, mein Interesse an der Yogaphilosophie. Und machte eine Ausbildung zur Yogalehrerin. Damit konnte ich mich mit anderen Dingen beschäftigen, als mein Beruf dies von mir verlangte, in eine neue Welt eintauchen und erst noch langsam und sorgfältig ein zweites, ergänzendes berufliches Standbein aufbauen. Und es gelang mir dadurch, über den Zeithorizont der Pensionierung hinauszuschauen.
Mit einer begleiteten Biografiearbeit kam ich Jahre später dem auf die Spur, was mir so wichtig war, dass ich es auch jenseits der regulären Berufstätigkeit behalten wollte. In der Folge liess ich mich selbst ausbilden zur Coach für Biografiearbeit. Dabei wiederum wurde meine Lust an der Kreativität wieder aufgeweckt, und ich erlernte das Heilsame intuitive Malen.
Natürlich geschah dies nicht in einem einzigen Schritt, sondern entwickelte sich innerhalb von 15 Jahren.
Das zu wissen ist wichtig: kreative Lebensgestaltung ist kein einmaliger Gewaltsakt. Sie besteht aus vielen kleinen, auf einander aufbauenden Schritten. Wichtig war für mich zu erkennen, dass ich die Wahl habe. Die ersten Schritte ins Ungewisse zu gehen. Das Folgende entwickelte sich daraus. Was mir blieb, war der kreative Blick und die Gewissheit, dass ich mein Leben bewusst gestalten kann. Dafür darf und muss ich meine eigene Wahrheit finden, vielleicht auch gewisse Konventionen übergehen, selbstständig Lösungen entwickeln. Das braucht Raum und Zeit, ist nicht immer bequem, aber, wie gesagt, in der Konsequenz sehr beglückend.




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