Neue Perspektiven auf's Älterwerden
- vor 2 Tagen
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Gerade ältere Frauen tragen Schätze in sich, die von ungeheurem Wert sind für die Welt von heute. Ihre Erfahrungen, die Lebensweisheit, ihre Bodenständigkeit, ihre Kraft können und wollen eingesetzt werden für die Gestaltung der Welt - heute mehr denn je auch über den Rand der Familie und und des unmittelbaren Umfelds hinaus.
Zu früheren Zeiten war diese Aufgabe der jüngeren Generation zugedacht. Warum das heute anders ist und was es bedeuten kann, liest du hier.

Noch vor wenigen Jahren galt die Generation der 25- bis 50-Jährigen als Gestalterin der Welt. Beruflichen Erfolg, gesellschaftliche Positionierung, politisches Engagement auch im Rahmen der Gemeinde - all dies erwartete man in dieser Zeitspanne des Lebens von sich selbst und von den anderen.
Heute ist es aber gerade diese Generation, die am meisten betroffen ist von Stress und von existenzieller Unsicherheit - auch bei uns.
Knapper und fast nicht mehr bezahlbarer Wohnraum
hohe Erwartungen an ein rasch abgeschlossenes Studium oder baldigen beruflichen Aufstieg, verbunden mit höherem Einkommen und Prestige
Fachkräftemangel mit allen Folgen, die das hat - auch für diejenigen, die im Arbeitsprozess stehen-
Renten, die in Frage stehen
beengte Wohnverhältnisse
ungenügende Kinderbetreuung
unsichere Zukunft, auch beruflich -
dies alles setzt gerade denjenigen zu, die am Anfang oder in der Mitte des Berufslebens stehen, die (kleine) Kinder haben, die in vielfältigen Verpflichtungen stecken. Die "Rushhour des Lebens" weitet sich sichtbar aus und fordert ihren Tribut, Erschöpfung ist die Folge.
Auf der anderen Seite haben wir Menschen, die dem Ende ihrer Berufstätigkeit entgegensehen, und sich mit 55 bis 65 Jahren noch fit und tatkräftig fühlen. Nicht selten stellt sich für Unternehmen die Frage, ob man sich wirklich von so viel Knowhow und Erfahrung trennen will, nur weil jemand das ordentliche Rentenalter erreicht. Für die Arbeitnehmenden ist aber oft auch klar, dass sie "so" nicht weitermachen wollen: Stress, Hektik, manchmal auch Enttäuschung über gar langsame Entwicklungen oder gar Rückschritte, sie alle machen sich jenseits der 50er negativer bemerkbar, können nicht mehr so einfach ausgeglichen werden. Es ist Zeit, zu gehen. Nur - wohin?
Flexibles Rentenalter soll hier nicht diskutiert werden. Vielmehr gilt mein Interesse dem Zusammenhang zwischen der Überforderung der mittleren Generation, auf der gerade alles zu lasten scheint, und der Kraft der älteren Generation, die heute, über alles gesehen, gesundheitlich, kräftemässig und oft auch wirtschaftlich so viel besser dasteht, als je zuvor.
In meine Beratungspraxis kommen vor allem Frauen zwischen 50 und 60, die gut im Leben stehen, viel erreicht haben, und sich jetzt fragen: War das alles? Oder kommt da noch etwas? Was mache ich mit meiner Zeit? Mit all meinen Erfahrungen?
Es scheint im Moment so, als ob sich die Aufgabenverteilung verschoben hätte, und zwar in einer Art und Weise, die gerade älteren Frauen in die Karten spielt. Nein, es geht nicht darum, dass Frauen noch länger Serviceleistungen im Haushalt erbringen. Es geht auch nicht darum, dass sie noch länger als günstige Arbeitskräfte dort aushelfen, wo "Not am Mann" (!) ist, dass die Alten junge Familien finanzieren, dass die Jungen noch länger zuhause bei Mama wohnen sollen.
Vielmehr geht es darum, dass die ältere Generation, insbesondere Frauen, sich neu orientiert und sich fragt: "Was können wir Neues beitragen?"
Es geht also nicht um die Frage, ob man weitermachen oder aufhören will. Sondern darum, etwas anders und etwas Anderes zu machen.
In vielen, vor allem alten Kulturen sind es die älteren Frauen, die die Trägerinnen von Weisheit sind. Das war auch bei uns so. Allerdings zeigt die Geschichte, dass viel getan wurde dafür, dass diese Frauen nicht gehört wurden. Ihr Wissen korrespondierte meistens nicht mit den Machtbestrebungen der Würdenträger. Ihr Blick war und ist anders. Gerne hat man sie also ruhig gestellt - mehr oder weniger subtil, aber lange Zeit erfolgreich.
Frauen tragen besondere, spezifische Erfahrungen in sich. Allein schon der Umstand, dass sie um den Schmerz der Geburt wissen, lässt sie anders auf den Wert des Lebens schauen. Aufgrund ihrer gesellschaftlichen Aufgaben haben sie oft einen ganz pragmatischen Blick auf Probleme und mögliche Lösungen. Und man kann vermuten, dass sie allein schon deshalb, weil sie Frauen sind, mit einem tiefen Wissen verbunden sind, das über Generationen epigenetisch weitergegeben wurde. Dieses Wissen ist allerdings verborgen, nicht allen zugänglich. Und doch kann es gerade heute von grosser Bedeutung sein.
So kann man sich fragen, ob diese gesellschaftliche Verschiebung, die wir aktuell beobachten können, nicht eine ungeheure Chance ist für Frauenwissen und weibliche Weisheit. Voraussetzung ist, dass wir Frauen erkennen, was "der weibliche Weg" ist.
Nicht wahr, die meisten von uns haben den sogenannt männlichen Weg sehr gut kennengelernt und auch gelernt, ihn zu gehen. In der Bildsprache finden wir im Zeichen des YinYang Analogien, die uns die Polarität verstehen lassen.
Yang steht für das Männliche, Aktive, Strukturierte, Extraversion, Logik, Analyse und Wissen.
Yin steht für das Weibliche, Empfangende, Verbindende, Introvertierte und Weisheit.
In jedem Menschenwesen gibt es beide Anteile, und sie sind, je nach Typ, unterschiedlich verteilt.
In unserer bisherigen westlichen Gesellschaft ist aber in den vergangenen Jahrzehnten vor allem die Yang betonte Lebensweise belohnt und gefördert worden, und wenn man etwas erreichen wollte, musste man entsprechende Spielregeln befolgen.
Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur ist das Pendel auf eine Art ausgeschlagen, die ungesund ist. Das Ergebnis können wir täglich erleben, erfahren, hören und sehen.
Den weiblichen Weg gehen bedeutet, in Verbindung zu gehen: mit Menschen, der Natur, uns selbst. Er bedeutet, die Kraft aus dem Ureigenen zu schöpfen.
Die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse, oft genug bedrohlich und schwierig, können also auch als Aufruf an die älteren Frauen gelesen werden, sich neu und anders einzubringen.
Gerade wenn sich im Alter von 50+ vermehrt Freiheiten ergeben, kann ein neuer Blick auf das Älterwerden ungeahnte Perspektiven eröffnen auf eine freudige Zukunft.
Wie können wir wirklich mitgestalten?
Was können wir beitragen zum grösseren Ganzen? Zu einer besseren Welt? Zu einer Welt, in der Frieden herrscht, Freude waltet und Mitgefühl?
Stellen wir unser Licht nicht unter den Scheffel.
Gerade ältere Frauen sind heutzutage auf eine Art freigestellt, wie vielleicht nie zuvor. Ausgestattet, wie vielleicht nie zuvor. Wir sind viele. Packen wir's an!




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