Verbundenheit - und was sie (nicht) kosten darf
- vor 24 Stunden
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Derzeit erleben wir auf der öffentlichen Bühne in aller Klarheit die Sonnen- und die Schattenseiten von Verbundenheit. Sie kann Stärke, Geborgenheit, Sicherheit vermitteln - dies erprobt gerade Europa im Verhältnis zu den USA. Die Schattenseiten sehen wir in der Epstein-Affäre: Filz, Abhängigkeiten, Machtmissbrauch. Wir wissen, dass vieles, was im Grossen passiert, seine Entsprechung im Kleinen hat. Daher lohnen sich Überlegungen dazu, wie wir mit unserem Bedürfnis nach Verbundenheit - immerhin einem Grundgefühl, das eng verknüpft ist mit Gesundheit und Wohlbefinden - in unser aller Leben umgehen wollen.

Die Psychologie lehrt uns, dass wir Menschen sowohl ein vitales Bedürfnis nach Verbundenheit wie auch nach Autonomie haben. Sicher kannst du das ebenfalls nachvollziehen, wenn du an dein eigenes Leben denkst. Wir brauchen Freunde und Freundinnen, das Gefühl, Teil von etwas Grösserem zu sein. Wir brauchen aber auch das Gefühl, unabhängig davon wertvoll zu sein, etwas bewirken zu können, auf eigenen Beinen zu stehen, wollen selbständig entscheiden und Herrin unseres Lebens sein..
Vielleicht haben wir in unserer westlichen Zivilisation letzteres in den vergangenen Jahren des Wohlstands etwas übertrieben. Weil wir es uns leisten können, leben wir nicht mehr im engen Verbund mit der ganzen Grossfamilie unter einem Dach, und ersparen uns damit viele zwischenmenschliche Schwierigkeiten. Weil wir es uns leisten können, müssen wir nicht mehr ins Restaurant gehen, um einen Cappuccino zu bekommen, sondern können ihn uns in der eigenen Küche mit der Maschine herstellen. Weil wir uns von religiösen Zwängen befreit haben, müssen wir nicht mehr jeden Sonntagmorgen in die Kirche gehen. Wir ersparen uns also einiges an Anpassung, an Rücksichtnahme, an Aufwand. Diese Beispiele liessen sich noch lange fortsetzen. Sie zeigen alle, dass wir uns Freiheiten erarbeitet, also an Autonomie gewonnen haben. Der Preis, den wir dafür bezahlen, ist aber auch ein zunehmendes Gefühl der Vereinzelung, der Vereinsamung. Es leidet also das Bedürfnis nach Verbundenheit.
Nicht verwunderlich, ist das Thema "Einsamkeit" in aller Munde. Und gleichzeitig begegnen mir überall Angebote, die damit handeln - im wahrsten Sinn des Wortes. Wer mich nicht alles in seinem Netzwerk haben möchte! Und sie alle versprechen mir Verbundenheit, das Gefühl, dazu zu gehören, wollen mich aus meiner Einsamkeit befreien, sprechen meine Bedürfnisse nach Stärke, Sicherheit und Geborgenheit an. Das ist soweit legitim, wenn es nicht verbunden ist mit Kosten. Es gibt aber Netztwerke, da muss man bezahlen, um dabei zu sein. Oder, subtiler, man wird eingeladen, an kostenpflichtigen Coachings teilzunehmen, um den Anforderungen zu genügen.
In dem Moment, da ich für das urmenschliche Bedürfnis nach Verbundenheit einen Preis bezahlen muss, gilt es aufmerksam zu werden.
Selbstverständlich bezahle ich, wie oben gesehen, immer einen Preis in Form von Unabhängigkeit, die ich aufgebe. Das liegt in der Natur der Sache. Aber darüber hinaus?
Verbundenheit ist etwas, das man nicht kaufen kann. Wer das verspricht, auch und gerade indirekt, handelt aus meiner Sicht unethisch. Dieses Gefühl kann eigentlich nur entstehen, wenn entsprechende Bedingungen dafür geschaffen sind. Erzwingen oder auch versprechen kann man es nicht.
Das Gefühl von Verbundenheit kann wohl entstehen unter Bedingungen, für die man bezahlt, z.B. in einer Yogagruppe. Ich bezahle für den Yogaunterricht, treffe dort Gleichgesinnte, und es kann passieren, dass ein Gefühl der Verbundenheit unter den Yogi und Yogini entsteht. Es ist aber keinesfalls garantiert. Allein, die Chance, dass ich in den Genuss dieses Geschenks komme, ist recht hoch, befinde ich mich dann doch in einer Gruppe Gleichgesinnter, und kann auf eine Yogalehrerin hoffen, die einen entsprechenden Rahmen schaffen kann.
Das Gefühl von Verbundenheit kann entstehen unter Bedingungen, die der Zufall will, beispielsweise im Rahmen von Nachbarschaft. Nachbarinnen kann ich mir selten aussuchen. Mit den einen fühle ich mich vielleicht irgendwann verbunden, mit den anderen nie. Die Chance, dass ich in den Genuss dieses Geschenks komme wird höher, wenn ich den Mut habe, die Menschen in meiner Nachbarschaft anzusprechen und wir Zeit finden, uns kennenzulernen und etwas miteinander zu unternehmen.
Das Gefühl von Verbundenheit kann entstehen, wenn ich mich engagiere für etwas, das mir wichtig ist oder das ich gerne mache. Ich liebe die Natur und ihr Schutz ist mir ein Anliegen? Als Mitglied des Natur- und Vogelschutzvereins kann ich mich nicht nur mit der natürlichen Umgebung verbinden, sondern treffe sogar Gleichgesinnte, mit denen ich mich mit der Zeit verbunden fühlen kann.
Das Gefühl von Verbundenheit kann entstehen, wenn ich mich achtsam in der Natur bewege. Wir Menschen sind Teil der Natur, wir sind ihre Geschöpfe, und so ist es oft ein "sich erinnern", sich wieder verbinden mit etwas, das sowieso zu uns gehört.
All diese Beispiele zeigen, dass Verbundenheit viel zu tun hat mit einem Gefühl. Verbundenheit kann man sich nicht kaufen. Sie ist kein Ding. Und sie entsteht auch nicht über Dinge, die wir uns anschaffen. Niemals kann sie entstehen, wenn wir es mit Machtgefälle oder Abhängigkeiten zu tun haben. Denn eine Grundvoraussetzung für ein Leben in Verbundenheit ist die Verbundenheit mit sich selbst. Mich selbst fühlen, wertschätzen, wahr-nehmen, ernst nehmen. Mir selbst Gutes tun können, sodass ich nicht aus einem Mangelgefühl in die Verbindung mit anderen gehe, sondern als selbstbewusste erwachsene Person, die zu geben weiss und annehmen kann. So kann ich für mich selbst sorgen und bin auch wach gegenüber möglichen Abhängigkeiten anderer von mir.
Lasst uns also vorsichtig sein mit allen Angeboten, die uns Verbundenheit versprechen und mit finanziellem Aufwand einher gehen. Das schlimmste, das geschehen kann, ist nämlich nicht, dass man dabei Geld verliert. Das schlimmste ist die Enttäuschung, die Verletzung, die entsteht, wenn man merkt, dass es nicht funktioniert. Oft genug geschieht dann nämlich ein fataler Denkfehler: man denkt, es liege an den Menschen allgemein, an einem selbst, oder das Problem sei unlösbar. "Ich bin einsam, weil ich nicht liebenswert bin." "Ich bin allein, weil es für mich keinen Platz in der Gesellschaft gibt."
"In der heutigen Welt kann man sich gar nicht mehr als Teil von etwas grösserem empfinden." "Weil ich kein Geld / keinen Partner / keinen Hund / keine Therapeutin / kein Auto /... habe, finde ich keine Freunde."
Nein, so ist es nicht. Das Gefühl, Verbundenheit zu erfahren, ist für jede und jeden möglich. Ich hoffe, dieser Beitrag unterstützt dich dabei, DEINEN Weg dazu zu finden oder ihn weiterzugehen.
