Stabilität in unruhigen Zeiten
- vor 10 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Geht es dir auch so? Die Welt, wie wir sie gerade erleben, ist faszinierend. Einerseits voller Möglichkeiten und spannender neuer Entwicklungen, also einladend und aktivierend. Andererseits fast beängstigend in der Geschwindigkeit der Veränderungen und bedrohlich in den Zukunftsszenarien, die uns zugetragen werden. Und wir stehen als Individuen mittendrin in der Ungewissheit, im Aufbruch und Niedergang, und müssen uns zurecht finden. Das ist ganz schön anstrengend, vor allem, wenn noch persönliche Erschwernisse wie Krankheit, Geldprobleme oder Sorgen um Angehörige dazukommen. Je unruhiger die Zeiten, desto mehr sind Stabilität und Besonnenheit gefragt. Hier findest du einige Tipps, wie du gut für dein Nervensystem sorgen kannst - kleine Hilfestellungen mit grosser Wirkung.

Wir Menschen sind gemacht für ein Leben, das manchmal herausfordernd ist, dann wieder ruhig. Wir brauchen sowohl Anregungen und Aktivität als auch Zeiten, wo nichts läuft und wir Pause machen können. Am besten geht es uns, wenn beides so einigermassen im Gleichgewicht ist. Zuviel (und vor allem zu lange!) Ruhe und Langeweile können uns ebenso krank machen wie zu viel (und vor allem zu lange!) Stimulation und Phasen der Herausforderung.
Nun leben wir in einer Zeit, da wir quasi dauerstimuliert werden. Ob wir es wollen oder nicht, die sich überschlagenden Tagesereignisse erreichen uns, versetzen uns in Euphorie oder in Angst und Schrecken. Wir kommen in Kontakt mit den neuen Möglichkeiten, die uns die Technik bietet, freuen uns vielleicht an deren Hilfestellungen und sind fasziniert. Und wir hören Nachrichten oder bekommen zugetragen, wer sich was erlaubt hat - in den USA, in Russland, im Sudan-, und sind empört, erschüttert, erschrocken. Was auch immer: die Emotionen gehen hoch - angenehme und unangenehme. Und dabei sollen wir noch unseren ganz normalen Alltag bewältigen, der in der Regel auch nicht ohne ist.
Wenn du merkst, dass dein Wohlbefinden unter dieser Dauerbelastung leidet, ist es an der Zeit dir zu überlegen, wie du inmitten des Sturms Momente der Ruhe schaffen kannst. Oft ist das nicht einfach, denn unser Nervensystem lässt sich nicht auf Befehl beruhigen. Gedanken kreisen, körperliche Verspannungen bleiben, die Hormone machen sowieso was sie wollen, und auch auf unseren Blutduck haben wir nur begrenzt Zugriff.
Hier findest du einige Möglichkeiten, wie du dir gerade in ganz schwierigen Situationen - wenn du dich also nicht auf dein Meditationskissen setzen oder im Wald spazieren kannst - ein wenig Entspannung verschaffen kannst.
Die erfahrenen Yogi und Yogini unter euch begegnen hier "alten Bekannten", die man gerne vergisst, weil sie so unspektakulär sind. Das ist schade, denn sie sind ebenso wirkungsvoll wie einfach in der Anwendung.
Dreh- und Angelpunkt ist der Atem. Mit ihm können wir den Vagusnerv aktivieren, der zuständig ist für Entspannung, ruhigeren Herzschlag, funktionierende Verdauung und mehr Geduld.
Verlängerte Ausatmung: Atme während 3 oder 4 Sekunden durch die Nase ein, und während 6 bis 8 Sekunden aus - durch die Nase oder durch den Mund. Dies 5 Minuten lang. Im Yoga üben wir dies bei der Ujjayi-Atmung, also der Atmung mit dem Reibelaut in der Kehle. Das geht nachts im Bett, wenn man nicht schlafen kann, das geht im Auto im Stau, vor dem Bildschirm oder mit dem schreienden Baby auf dem Arm.
Summen: Ja genau, das ganz normale Summen eines Tons. Es muss keine Melodie sein und nicht schön tönen. Allein die Vibration, die das Summen in deinem Körper erzeugt, beruhigt das Nervensystem. Im Yoga üben wir das beim Bhramari, dem Bienensummen. Summe also vor dich hin - beim Autofahren, Staubsaugen oder unter der Dusche.
Rhytmische Bewegungen: kleine Kinder machen das automatisch, um sich zu beruhigen. Sie schaukeln der Körper ganz leicht vor und zurück oder hin und her. Wenn wir erwachsen sind, erinnert uns dieses sanfte rhythmische Bewegen vielleicht an die beruhigenden Tragebewegungen, die wir als Baby erfahren durften auf dem Arm einer lieben Person. Auf jeden Fall hilft es und vermittelt dem Nervensystem die Information, dass es loslassen darf, denn die Bewegungen sind vorhersehbar und wohltuend. Schenk dir 5 Minuten, umarme dich selbst vielleicht noch dabei und spüre, wie etwas weich werden kann in dir.
Atmung und Bewegung verbinden: Streiche mit dem Finger der einen Hand entlang deiner Finger der anderen Hand - Finger für Finger, Atemzug für Atemzug. Beim Einatmen streichst du an der Aussenseite des kleinen Fingers hoch, beim Ausatmen an der Innenseite runter. Beim nächsten Atemzug kommt der Ringfinger dran, dann der Mittelfinger und so weiter. Nach dem Daumen gehst du den gleichen Weg zurück. Im Yoga üben wir dies bei den Nyasa, den Abläufen bei denen wir im Atemrhythmus unterschiedliche Körperstellen berühren. Diese Übung geht beim Warten in der Arztpraxis, auf dem Bahnsteig oder beim Warten bis das Teewasser kocht.
Für diese kleinen Miniübungen braucht man weder Abgeschiedenheit noch viel freie Zeit. Man muss einfach daran denken und sie dann auch machen. Gerade in aufwühlenden Zeiten ist es unabdingbar, dass man gut für seine Stabilität sorgt. Nur wer gut geerdet ist und bei sich kann gute Entscheidungen treffen, ist den Stürmen der Aussenwelt nicht ausgeliefert und kann auch hilfreich sein für alle, deren Nerven gerade flattern.




Kommentare