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"Sicherheit ist nicht die Abwesenheit von Bedrohung...

vor 10 Minuten
4 Min. Lesezeit

...Sicherheit ist die Anwesenheit von Verbindung." (Dr. Gabor Maté)


Dieser Gedanke des kanadischen Mediziners Dr. Gabor Maté begleitet mich dieser Tage. Er verweist auf einen Begriff, der gerade auch in der Yogawelt, in der ich mich bewege, häufig gebraucht wird: Verbundenheit. Das Gefühl von Verbundenheit ist eine Qualität, die wir Menschen grundlegend brauchen, und ohne das wir krank werden. Doch stellt sich mir immer mal wieder die Frage, von welchen Verbindungen wir denn eigentlich sprechen. Gabor Maté hat eine Schwerpunktsetzung vorgenommen, die weiterführt - und mir den Wert des Yogawegs gerade noch einmal bestätigt.



Wie du vielleicht auch, frage ich mich als älterer Mensch, was mich eigentlich genau hierher geführt hat: zu diesen Interessen, die mein Leben heute bestimmen. Das Leben, das ich führe, spiegelt ja die Dinge wider, die bei mir Priorität haben. Auch mein Weg war verschlungen, führte hierhin und dorthin, ich erlebte Höhen und Tiefen und konnte dabei lernen, was mir gut tut und was nicht.

Auch wenn mein Entwicklungsweg noch weitergeht, kann ich heute auf einige wenige Schwerpunkte blicken, die sich herauskristallisiert haben, und um die sich mein gutes Leben geordnet hat.

Als ich dann auf die Erkenntnisse von Dr. Gabor Maté stiess, entdeckte ich verblüffende Parallelen.


Maté ist ein führender, hoch ausgezeichneter kanadischer Mediziner, der sich mit Sucht, Stress und frühkindlicher Entwicklung auseinandersetzt. Er beschreibt kurz und prägnant, dass es vor allem vier Bereiche der Entfremdung sind, die uns Menschen nachhaltig schaden.

  • Entfremdung von der Natur: Wir sind Kinder der Natur und brauchen Begegnungen damit. In unseren westlichen Gesellschaften leben die meisten Menschen zwar recht bequem, man ist satt, hat warm und kann sich leicht fortbewegen. Jedoch fehlen sehr vielen Menschen regelmässige Naturerfahrungen wie lange Waldspaziergänge, barfusslaufen, schwimmen im Fluss, Bergwanderungen.

  • Entfremdung von Gemeinschaft: Evolutionsbedingt sind wir Menschen angewiesen auf den Schutz durch die Gemeinschaft. Und ohne Körperkontakt verkümmern wir. Zwar sind wir häufig von Menschenmassen umgeben, aber aufgrund unserer Lebensumstände gelingt es selten, wirkliche Verbindung mit anderen Menschen herzustellen. Wir ziehen oft um, pendeln, wohnen allein, Familien leben verstreut über den Erdball. Das alles ist gekoppelt mit persönlicher Freiheit und Entfaltung - bringt aber oft auch Einsamkeit und Entwurzelung mit sich.

  • Entfremdung von sinnvoller Tätigkeit: mit dem Maschinenzeitalter hat der Mensch begonnen, sich davon zu befreien, für sein tägliches Brot Hand anlegen zu müssen. Vielleicht fast unmerklich sind wir damit aber auch in ein Leben gerutscht, das mehr mit Produktion und Verwaltung zu tun hat, als mit dem Schaffen von Werten - und sei es das tägliche Essen auf dem Tisch. Davon profitieren wir. Unser Wohlstand wäre nicht denkbar ohne Maschinen, Arbeitsteilung und Spezialisierung. Zugleich können sich aber die meisten Menschen ein Grundbedürfnis nicht mehr erfüllen: das Bedürfnis, etwas zu erschaffen, das Bedürfnis nach sinnerfüllter Tätigkeit.

  • Entfremdung von sich selbst: bereits in meinem letzten Blogbeitrag habe ich darüber geschrieben, wie sehr der Körper zwar im Zentrum unserer Aufmerksamkeit ist, wie wenig wir ihn aber wirklich wahrnehmen als unsere Hülle, als "Tempel, in dem unsere Seele wohnt", und wie wenig wir ihm zuhören und ihm trauen, wenn er uns signalisiert, wie es uns wirklich geht und was wir wirklich brauchen.


Als Yogalehrerin ist es mein oberstes Ziel, Menschen dabei zu unterstützen, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, den eigenen Körper zu spüren, der eigenen Wahrnehmung zu trauen. Mir begegnet eine grosse Sehnsucht vieler Menschen, die fremdbestimmte, distanzierte Sichtweise von aussen auf sich selbst zumindest zeitweise zu verlassen und sich selbst wieder mehr zu spüren. Wahrscheinlich leitet sie ein intuitives Wissen, dass die Verbindung zu sich selbst die Grundlage dafür ist, dass man sich aus den Entfremdungszuständen, die Maté aufzählt, befreien kann.


  • Wenn ich mich selbst spüre, kann ich wahrnehmen, was ich brauche. Dann fällt es mir leichter wahrzunehmen, wenn ich ausweiche auf minderwertigen Ersatz wie Konsum, Substanzmissbrauch, Zerstreuung.

  • Wenn ich in Kontakt bin mit mir selbst kann ich die Signale meines Körpers wahrnehmen, der Naturerfahrung braucht. Vielleicht schnüre ich dann meine Laufschuhe und gehe in den Wald. Oder ich steige in die Stiefel und gehe in den Garten.

  • Wenn ich mir selbst zuhöre kann ich das Bedürfnis identifizieren, etwas zu erschaffen. Vielleicht greife ich dann zum Pinsel, zur Schaufel, zur Näh- oder Stricknadel, zum Schreibstift, zum Kochlöffel (oder auch zum Putzeimer ;-)) und beginne tätig zu sein.

  • Wenn ich mich selbst spüre wird mir vielleicht bewusst, dass ich mich gern mit einem anderen Menschen austauschen würde. Dann kann ich jemanden anrufen oder ich gehe zum Haus nebenan und lade die Nachbarin ein auf einen Kaffee.


Wenn ich also darauf schaue, wohin mich mein Lebensweg geführt hat, dann erkenne ich ganz viel von dem, was für ein gutes Leben wichtig ist. Hierhin hat mich meine Prioritätensetzung geführt.


Ich lebe auf dem Land und habe "Natur" vor meiner Haustüre. Ich muss nur die Bequemlichkeit überwinden und hinausgehen, und schon bin ich da, wo mir wohl ist.


Als Yogalehrerin erlebe ich immer wieder berührende Momente im Yogaunterricht, wenn wir ein gemeinsames Feld erschaffen, in dem zwar jede für sich auf ihrer Matte übt, wo sich aber zugleich etwas aufzubauen beginnt, das nur mit "Gemeinschaftsgefühl" beschrieben werden kann. Es sind dies sehr nährende Momente, die Körper und Seele gut tun, und die wir alle vermissen, wenn wir alleine zuhause Yoga praktizieren.

Und als Grossmutter habe ich mich entschieden, einen Teil meiner Freiheit aufzugeben zugunsten der Verbindlichkeiten, die das Enkelhüten verlangt, und die mir Verbundenheit mit der Familie schenken.


Als Begleiterin in Biografiearbeit unterstütze ich Menschen dabei, den inneren Wert ihres eigenen wunderbaren Lebens zu erkennen, wertzuschätzen und gegebenenfalls Wege zu finden, wie etwas realisiert werden kann, das noch schlummert. Damit habe ich auch nach Beendigung meiner ordentlichen Berufstätigkeit etwas gefunden, das mein Leben mit Sinn erfüllt. Dazu gehört auch, dass ich male, schreibe, meinen Kindern und Kindeskindern helfe, meinen Partner unterstütze.


Herausfordernd bleibt auch für mich, im Kontakt zu bleiben mit mir selbst. Wie geht es mir gerade? Was brauche ich jetzt? Tue ich das, was jetzt gerade wichtig und richtig ist oder beschwichtige ich mich selbst mit Ersatzhandlungen? Eine regelmässige Meditations- und Yogapraxis unterstützt mich dabei.


Wenn es mir wirklich nicht gut ging in meinem Leben, dann hat ganz sicher einer dieser Schwerpunkte gefehlt, die Gabor Maté aufzählt. Nehmen wir sie als Orientierung, die uns in Entscheidungssituationen den Weg weisen.

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