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Mut

vor 10 Minuten
4 Min. Lesezeit

Findest du es nicht auch spannend, dass man über Mut nicht nachdenken kann, ohne die Angst mitzubedenken? Um mutig zu sein, muss man Angst überwinden. Mut zu haben bedeutet, dass man dem Gelingen mehr vertraut als der Angst. Ohne Angst kein Mut. Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Es bedeutet, trotz der Angst weiterzugehen.


So ist es erklärbar, dass es oft schwer fällt zu definieren, was denn nun Mut erfordere, und was nicht. Für den einen ist eine Bergtour mit Klettersteig eine Mutprobe sondergleichen, während sie für die andere eine genussvolle Herausforderung bedeutet. Und manch einer kann nicht verstehen, wieviel Mut es von jemandem erforden kann, vor zehn Leute hinzustehen und eine kleine Ansprache zu halten. Mut ist eine vielschichtige Sache - die sich übrigens auch in unserer Sprache zeigt, wo die Silbe "Mut" in ganz unterschiedliche Bereiche führt.



Langsam aber sicher werden die Tage kürzer, wir nehmen wahr, dass wir uns der dunkleren Jahreszeit nähern. Früher feierte man Ende September mancherorts das Michaelsfest, das den Beginn des Herbstes und das Ende der Erntezeit markiert. In vielen alten Kirchen kann man die dazu gehörenden Bilder finden: man sieht da den Erzengel Michael, wie er mit seinem Schwert einen Drachen bändigt. Das Michaelsfest steht denn auch symbolisch für Mut, Seelenstärke und die Überwindung des Dunklen, da ab Ende September die Nächte länger werden. Offenbar war die dunkle Jahreszeit für die Menschen früherer Zeiten bedrohlich, erzeugte Angst. Wenn wir an die kalten Häuser denken und an die leeren Vorratskammern, die so viele Hungersnöte nach sich zogen, können wir das vielleicht nachvollziehen.

Die Geschichte des Drachentöters gibt es in vielen europäischen Kulturen. Die Sage handelt vor der Tugend Mut, von Selbstüberwindung - und natürlich von Gut und Böse.


Das Bild des Drachentöters Michael führt also weiter. Es hat symbolischen Charakter und verweist nicht nur auf die physischen Probleme, die der Winter mit sich bringen kann und die wir heutigen Menschen (in der Schweiz, zum aktuellen Zeitpunkt) in unseren geheizten Wohnungen und mit den immer verfügbaren Lebensmitteln überwunden haben.

Wir alle müssen uns auch seelisch vorbereiten auf die längeren Abende, den Lichtmangel, und manch einer fürchtet den Winterblues. Fühlen wir uns im Frühling und Sommer getragen von der erwachenden und üppig blühenden Natur, bereitet es uns deutlich mehr Mühe, uns mit dem Vergehen und dem Stillstand abzufinden, die der Herbst und der Winter bringen. Sie machen vielen von uns Angst.


Die alten Yogaschriften können oftmals komplexe Sachverhalte herunterbrechen auf wenige Schlüsselfaktoren. So auch, wenn es um Angst geht. Wir finden im Yogasutra zwei Grundängste beschrieben, die uns Menschen plagen, die beiden Leidfaktoren DVESHA und ABHINIVESHA:


  • Die Angst vor Veränderung, vor allem vor Verfall;

  • Die Angst davor, etwas zu verlieren, in letzter Konsequenz das eigene Leben.

Diese Ängste sind uns meist so nicht bewusst, aber sie steuern unser Verhalten, auch unsere Grundstimmung. Sind wir glücklich und froh, ängstigen wir uns manchmal, dieses Schöne zu verlieren. Wir klammern uns daran, auf dass es ewig bei uns bleibe, auch wenn wir eigentlich wissen, dass das einzig Beständige der Wandel ist.

Und manch eine bleibt lieber im bekannten Unglück stecken, als sich dem Unbekannten zu stellen, so tief sitzt die Angst vor Veränderung.


Die Yogaschriften empfehlen uns, diesen Tatsachen mutig ins Auge zu schauen. Denn Bewusstsein, Erkenntnis ist der erste und wichtigste Schritt, damit diese Drachen ihre Macht über uns verlieren.


In der dunkleren Jahreszeit begegnen wir nicht selten eben diesen dunkleren Seiten in uns selbst. Dann ist Seelenstärke gefragt, die uns trägt. Und es erfordert Mut, sich der eigenen Angst zu stellen. Bildlich gesprochen geht es also darum, "den Drachen in uns" (was auch immer er sei) zu erkennen und zu besiegen.


Was aber können wir tun, um diese Seelenstärke zu entwickeln, die uns durch die Dunkelheit trägt?

  • Wir können uns erinnern daran, dass das Leben immer ein Auf und Ab ist. So, wie jedem Sommer ein Herbst folgt, so folgt jedem Winter ein Frühling. Wenn Wachstum möglich werden soll, muss zuvor Veraltetes losgelassen werden und braucht es eine Ruhephase. Kein Werden ohne Vergehen.

  • In der dunkleren Jahreszeit ziehen sich die Lebenskräfte in der Natur zurück. Die Blätter fallen, die Energie der Bäume zieht sich in die Wurzeln, in die Erde zurück. Die Zeichen der Jahreszeit stehen jetzt auf Vergänglichkeit, Rückzug und Ruhe. Wie wäre es, diesem Stillwerden positiv zu begegnen? Schon Ovid meinte:" Was ohne Ruhepausen geschieht, ist nicht von Dauer." Gönnen auch wir uns diesen Rückzug - ohne Bedauern. Und achten und ehren wir die inneren Bewegungen, die wir dann wahrnehmen können. Begegnen wir ihnen mit Mut. Denn alles, was von unserem Bewusstsein berührt wird, wird veredelt und verliert seine Macht über uns.

  • Zugleich können wir mit dem einziehenden Herbst beginnen, dem Schweren, Belastenden in uns etwas entgegenzusetzen. Verbinden wir uns mit dem inneren Licht, mit dem Guten in uns und tragen es in die Welt. Wahrscheinlich sind es genau diese Absichten, die dazu geführt haben, dass wir im uns im Herbst und Winter mit Kerzenlicht, warmen Farben, würzigem Tee und feinem Essen verwöhnen. Jetzt, da das Sonnenlicht schwindet und die Wärme vergeht, müssen wir für uns selbst sorgen. Nicht, indem wir das Dunkle verdrängen, sondern indem wir es anerkennen und ihm etwas entgegensetzen.


Der Yoga empfiehlt uns als Gegenmittel gegen die Leidverursacher (KLESHA) einen ganzheitlichen Übungsweg:

  • Selbstdisziplin (TAPAS): Bewusste spirituelle und körperliche Asanapraxis

  • Selbststudium (SVADHYAYA): Reflexion des eigenen Verhaltens und das Lesen geeigneter Texte

  • Hingabe an etwas Höheres (ISHVARA PRANIDHANA): Das Loslassen des Egos und das Vertrauen in eine höhere Kraft.

Konkret geht es darum, sich nicht nur um sich selbst zu kümmern, sondern auch um die anderen. Und es geht darum, im eigenen Herz die grossen, wichtigen Grundgefühle des Wohlwollens und des Mitgefühls (auch mit sich selbst) zu kultivieren.


Was uns dabei hilft ist eine regelmässige Yoga- und Meditationspraxis und sind Atemübungen. Voraussetzung ist der Mut: der Mut hinzuschauen, zu erkennen und zu benennen, was ist, und die Bereitschaft, trotz Angst weiterzugehen.



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