Sinn finden
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Kürzlich kam ich ins Gespräch mit einer älteren Frau. Sie war vor kurzem pensioniert worden - das war unser gemeinsamer Bezugspunkt -, und sie fand es gar nicht so toll, wie sie sich das erträumt hatte. Ferien sind keine mehr, wenn man keinen Berufsalltag mehr hat, aus dem man aussteigen kann. Der Berufstrott war einem Alltag gewichen, der oft genug auch langweilig war. "Und immer nur reisen und lesen kann man ja auch nicht.", meinte sie.

Dr. Tobias Esch ist Arzt, Neurowissenschafter und Gesundheitsforscher. In seinem Buch "Wofür stehen Sie morgens auf?" beschreibt er, warum Sinn und Bedeutung entscheidend sind für die Gesundheit. Nur: wie findet man sie? Gerade auch, wenn Bezugspunkte, die jahrzehntelang wegweisend waren, wegfallen? Ich denke da vor allem an die Familie, den Beruf.
Mir fällt es nicht leicht, mich mit den gängigen Hinweisen auf Dankbarkeit und Verbundenheit zu begnügen. Bestimmt sind sie wesentlich für ein erfülltes Leben - aber wenn ich an meine Gesprächspartnerin denke, gehen mir diese Ratschläge zu wenig weit.
Beim Nachdenken komme ich immer wieder auf meine beiden grossen Interessensgebiete zurück: die Biografiearbeit und die Yogaphilosophie. Und mir scheint, ich werde fündig.
In einem eher schwergewichtigen Wälzer über den Lebenslauf springt mir ein Satz ins Auge, dem ich hier folge:
"Jede Idee, die dir nicht zum Ideal wird, ertötet in deiner Seele eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ideal wird, erschafft in dir Lebenskräfte." (George und Gisela O'Neil: Der Lebenslauf, S.120)
Erinnerst du dich an deine Jugendjahre und an der Stellenwert der Ideale? Für mich waren sie prägend. Wie viele andere junge Menschen glaubte ich, die Welt verändern zu können - zum Guten natürlich. Meine Ideale trieben mich an. Ich erinnere mich gut an die Kraft, die ihnen innewohnt, und wie grossartig es war, mich ihnen hinzugeben.
Wie die meisten anderen Menschen auch, musste ich mit der Zeit Abstriche machen. Pragmatismus war angesagt. Ein Haushalt mit Kindern, Berufstätigkeit in Organisationen, sich bewegen in Beziehungsgeflechten - sie alle verlangten Anpassung, Kompromisse, oft genug auch, sich "nach der Decke zu strecken". Es gab auch in meinem Leben Momente, da ich mich fragte, wo ich denn da nur gelandet bin (und dies waren nicht die schlechtesten Augenblicke, weil sie mit einem Innehalten einher gingen). So viel zu den Idealen.
Spannend finde ich die Überlegung zum Zusammenhang zwischen Ideen und Idealen. Ideen kommen meistens von aussen zu uns. Jemand sagt etwas, man liest etwas, sieht etwas - und ist begeistert. Und viele Ideen verfliegen wieder, wie sie uns angeflogen kamen. Darauf bezieht sich wahrscheinlich der Gedanke, dass Ideen, die nicht zu Idealen werden, uns Kraft entziehen.
Damit eine Idee zu einem Ideal wird, braucht es Zeit. Ideen werden zu Idealen, wenn sie unser Denken, Fühlen und Handeln dauerhaft prägen.
Der Psychologe Viktor Frankl meint: "Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.", und greift damit einen Gedanken Nietzsches auf. Ein Ideal ist oft dieses Warum - eine Richtung, die unserem Leben Sinn verleiht.
Der Entwicklungspsychologe Robert Kegan beschreibt persönliche Entwicklung als einen Prozess, in dem Menschen Werte nicht nur übernehmen, sondern zu ihrer eigenen inneren Orientierung machen.
Und allen unter euch, die sich auch an der Yogaphilosophie orientieren, kommt bestimmt das Wortpaar "abhyasa" (beständige Praxis) und "vairagya" (loslassen) bekannt vor. Im Yogasutra finden wir den Satz:" Durch beständige Praxis und dann aber auch Loslassen klärt sich der Geist und der Mensch findet zu seiner wahren Natur."
Eine Idee begeistert uns vielleicht für einen Augenblick. Ein Ideal begleitet uns über Jahre. Es entsteht dort, wo wir einen Gedanken immer wieder prüfen, ihm vertrauen und ihn Schritt für Schritt leben.
Wenn also ein Menschenleben seinen Lauf nimmt, und man sich einmal mehr von Gewohnheiten verabschieden muss (und seien es solche, die manchmal mühsam und ärgerlich waren), kann es sich lohnen dem Gedanken zu folgen, was einen denn während der vorangegangenen Jahre ideell geleitet hat. Dann kann man zurückfinden zu seinen Idealen.
Haben einen diese in der Jugendzeit befeuert, können sie im Alter zu einer wärmenden Glut werden. Vielleicht haben sie sich ein wenig verändert, wurden vom Leben geschliffen. Aber trotzdem mag man sie noch einmal aufgreifen und mit jetzt mehr Lebenserfahrung und neuem Mut verfolgen.
Vielleicht ist man dann eine der Personen, die anderen das Gefühl geben können, willkommen zu sein.
Vielleicht kann man anderen besonders gut zuhören, sie sehen und in ihre Kraft bringen.
Vielleicht kann man zu einem Leuchtturm der Integrität und Gerechtigkeit werden.
Wie lautet der weise Spruch des Dalai Lama?
"Der Planet braucht keine erfolgreichen Menschen mehr. Der Planet braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Art."




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