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Die Prüfung

  • vor 6 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Ich bin Yogalehrerin. Am meisten interessiert mich die Yogaphilosophie, die auch immer Teil meiner Lektionen ist. Dabei gebe ich weiter, was ich in den Yogaschriften lese, was ich in meiner Ausbildung vertiefen konnte und was ich im Lauf der Jahre geübt habe. In diesen Monaten stellt mir das Leben jedoch eine Aufgabe, die mich an Prüfungen in Ausbildungssituationen erinnert. Mochtest du Prüfungen? Ich nicht wirklich...



Ich war eine sehr schlechte Mathematikschülerin. Das zeigte sich vor allem bei den Tests und Prüfungen. Wohl hatte ich fleissig gelernt, sogar Nachhilfeunterricht besucht, aber ich konnte Formeln und Regeln nicht anwenden auf die gestellten Aufgaben, die ich schlichtweg nicht verstand. Heute weiss ich, dass man erst in der Anwendung zeigen kann, ob man etwas verstanden hat. Das war bei mir nicht der Fall.


Nun, das Mathewissen hat mir nie wirklich gefehlt - ausser eben in Testsituationen, im Physik- und Chemieunterricht, und wenn ich meinen Töchtern bei ihren Matheaufgaben nicht helfen konnte. Ich konnte mein Leben problemlos um diese fehlenden Kompetenzen herum aufbauen und gut leben.

Dass mir mein Mathematikversagen gerade jetzt wieder in den Sinn kommt hat damit zu tun, dass ich mich in einer viel lebenspraktischeren Problemsituation befinde, die mich stark an die ehemaligen Prüfungssituationen erinnert. "Karin kann zeigen, was sie gelernt hat.", so könnte man titeln.


In meinen Ferienkursen "Mit Yoga dem Stress begegnen" - ja genau, darum geht es!- erwähne ich jeweils die fünf KLESHA, also Hindernisse, die uns im Leben Probleme bereiten. Es sind dies

  • Unbewusstheit

  • Identifikation mit dem EGO

  • das Habenwollen, also die Begierde

  • das Nichthabenwollen, also das Gefühl der Ablehnung

  • das Anhaften, also das "nicht loslassen können".


Ihnen begegnen kann man durch einen Übungsweg, der durch Achtsamkeit und vielfältige Zugangsweisen wie Körper- und Atemübungen sowie Meditationsformen geprägt ist. Damit kann Bewusstheit entstehen, Stabilität ergibt sich durch die Kraft des Selbst, dem man langsam näherkommt, Begierde und Ablehnung können erkannt werden und man kann sich entscheiden, ob man weiterhin "im Autopiloten" re-agieren will oder ob man selbstbestimmt und bewusst unterscheiden kann, was man verändern kann (und dies dann auch tut), oder ob es nicht in der eigenen Macht liegt - und man sich dann in Gelassenheit übt.


So weit so gut.


Du fragst dich, wann ich nun zur Prüfungsfrage komme? Hier ist sie. Es geht um meinen Yogaraum - sinnigerweise. Seit Monaten wird an einem Raum gebaut, der "mein neuer Yogaraum" werden soll. Nicht nur ich warte auf die Fertigstellung, sondern auch meine Yogaschülerinnen. Immer mal wieder liess ich mich dazu verleiten, einen möglichen Termin in Aussicht zu stellen, an dem wir den Yogaunterricht wieder aufnehmen können. Und immer wieder kam etwas dazwischen: Kälte (dabei kann man nicht betonieren, lernte ich), Handwerkermangel, Unfall, Fehler... Es gab und gibt gute Gründe für die Verzögerungen, und doch... Mich stresst diese Situation ungemein.


Zum einen fehlt mir der Yogaunterricht.

Viel schwerer wiegt aber, dass ich meine Versprechen nicht einhalten kann.


Und ich ertappte mich dabei, wie ich zu strampeln begann, zu kämpfen, Druck auszuüben. Kurz: das sprichwörtliche "Leiden", wie es der Yoga nennt, hatte mich im Griff.


Irgendwann begriff ich dann, dass es genau die KLESHA sind, die mir hier in dieser Form begegnen.

  • Ich wollte diese Fertigstellung so so fest vorantreiben - obwohl ich sie nicht beeinflussen konnte.

  • Ich ärgerte mich über jede Verzögerung - obwohl ich die Gründe gut verstand, sie aber nicht wegzaubern konnte.

  • Ich konnte die Idee nicht loslassen, dass der Raum zu einem kommunizierten Zeitpunkt fertig sein müsse. Ja ich stellte fest, dass meine Gedanken fast nur noch darum kreisten, obwohl niemand Druck ausübte. Niemand - ausser mein EGO.

"Sobald das Licht des Bewusstseins auf etwas fällt, beginnt die Heilung".

Und so befinde ich mich in einer weiteren Lernschlaufe.

  • Mich besinnen auf das Wesentliche - die Freundlichkeit anderen aber auch mir selbst gegenüber.

  • Mitgefühl üben - mit all denen, die sich abmühen, und selbst mit den Hindernissen kämpfen, die Umbauen offenbar so mit sich bringt. Aber auch mit mir, die ich so gerne endlich beginnen möchte. Und die ich so gerne verlässlich Termine kommuniziert hätte.

  • Freude haben an meinen treuen Yogaschülerinnen, die klaglos und verständnisvoll warten. Und am Wissen, dass der Raum wirklich schön wird.

  • Gelassenheit üben: das tun, was ich kann. Und mich nicht verbeissen in den Ärger über Umstände, die ich nicht beeinflussen kann.


Yoga ist ein wunderbarer Weg. Nicht nur auf der Matte, sondern und vor allem auch im Leben.

Und übrigens: der Raum ist am Entstehen, und das Warten wird ein Ende haben. Hoffentlich bald....

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