Sehnsucht nach etwas Eigenem
- 8. Juni
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Die Sehnsucht nach dem Eigenen ist bei vielen von uns gross: nach dem eigenen Ausdruck, dem eigenen Stil, ja im Grunde wahrscheinlich dem einzigartig Eigenen, dem, was uns ausmacht. In jüngeren Jahren zeigt sich diese Sehnsucht oft im Streben nach Grösse, Erfolg, Exklusivität. Doch je älter man wird, desto mehr verlagert sich der Fokus nach Innen, oft auch auf die spirituelle Ebene.

Eine Künstlerin, ein Künstler zeichnet sich dadurch aus, dass er oder sie etwas Eigenes erschafft. Dies gelingt nie im ersten Versuch. Meistens gehen Phasen des Kopierens voraus. Die Schüler der bedeutendsten Maler haben sogar ganz offiziell oft jahrelang den Meister beim Gestalten grosser Werke unterstützt, indem sie seinen Stil so kopierten, dass kein Unterschied zum vom Meister erschaffenen Teilstück erkennbar war. Nachahmung war Teil der Ausbildung. Erst mit der Zeit bildete sich manchmal etwas Eigenes heraus, wurde aus dem Handwerk Kunst.
Das Eigene wird also ertastet, man nähert sich ihm an, oft genug auf Umwegen.
Dies gilt nicht nur für künstlerisches Schaffen, sondern auch für das ganz alltägliche Leben.
Meine Beratungen suchen meist Frauen zwischen 50 und 70 Jahren auf. Sie erleben die Veränderungen im Familienleben, die in dieser Zeit auftreten, oft sehr intensiv und belastend. Natürlich freuen sie sich an der neuen Freiheit, die winkt. Die Kinder sind aus dem Haus, man kann sich beruflich freier bewegen, weil man nicht mehr so viele Aufgaben gleichzeitig unter einen Hut bringen muss, und oft verschieben sich auch in der Beziehung zu einem Partner ganz grundlegende Muster. Oder die Pensionierung (die eigene und/oder die des Partners) steht vor der Türe - womit das Alltagsleben in einer Art auf den Kopf gestellt wird, auf die man selten vorbereitet ist.
Diese neue Freiheit fühlt sich nun oft gar nicht so schön an, wie man das erwartet hat. Sie kann einhergehen mit einem Gefühl der Leere, der Sinnlosigkeit, ja kann sich fast krisenhaft anfühlen.
Eine grosse Rolle spielt dabei der Umstand, Frau zu sein. Gerade Frauen wurden meist jahrzehntelang darauf programmiert, die Bedürfnisse anderer- der Angehörigen - wahrzunehmen, zu interpretieren und zu erfüllen. Diese Ausrichtung wurde über viele Generationen gefordert, gepflegt, geübt - sie ist so sehr Teil der Sozialisierung und Erziehung, dass sie sogar Spuren im Gehirn hinterlassen hat. Die Gehirnforschung konnte zeigen, dass sich das Gehirn von Frauen, die alleine zu leben beginnen, mit der Zeit neu verschaltet. Es braucht offensichtlich eine Art Lernprozess, Neuprogrammierung, bis es ihnen gelingt, sich selbst und vor allem die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.
Es kann sein, dass danach plötzlich noch etwas anderes auftaucht - eine leise Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach etwas, das sich fast nicht benennen lässt. Möglicherweise ist es die Sehnsucht nach etwas Eigenem.
Das kann ein eigenes Zimmer sein, ein eigener Ausdruck, ein eigener Stil oder vielleicht noch mehr: das ureigene Selbst, das, was einen im Kern ausmacht. Das zu finden ist für alle Menschen schwierig- für Frauen und für Männer. Es ruht unter oder hinter den Rollen, die wir einnehmen, dem Bild, das wir von uns zeichnen, den Geschichten, die wir über uns erzählen. Und oft genug wird es erst mit dem Älterwerden möglich, diesem Teil der Persönlichkeit Raum zu geben.
Es ist dies die grosse und wunderbare Chance, die uns die Jahre des "jungen Alters" beschert: wir können uns noch einmal wirklich befreien, neu erfinden. Was wurde bisher nicht gelebt? Was konnte keinen Platz finden? Was habe ich nicht gewagt? Welchen losen Faden meines Lebensgewebes möchte ich nochmals aufgreifen und weiterführen? Hinter diesen Antworten steckt oft das Eigene, nach dem wir uns sehnen.
Die Suche danach ist nicht einfach. Antworten kommen nicht schnell. Wie Rilke sagt: "Man muss mit den Fragen leben. Man muss sie lieb haben. Dann lebt man mit der Zeit in die Antworten hinein."




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