Yoga - über den Körper das ganze System erreichen
Eigentlich ist es spannend: wir leben in einer Welt, in der der Körper alles zu sein scheint. Nahrungsergänzungsmittel, Ernährungsschulen, Mode- und Beautykanäle, Geschlechtsumwandlungen, Krankheitsprävention, explodierende Krankenkassenprämien und Gesundheitskosten - Körper, Körper, Körper.
Daneben haben ganz viele der Sorgen, die die Menschen belasten, ihren Ursprung im Denken: Ängste, Gedankenkreisen, Nervosität - all die grossen Themen, die die Menschen belasten, haben ihren Ursprung - und damit auch den Ansatz für Heilung - im Kopf; besser gesagt ist es das Nervensystem, das sich scheinbar selbständig gemacht hat.
Es scheint mir, als ob wir einen gespaltenen Zugang zu unserem Körper haben: auf der einen Seite sorgt man sich exzessiv um die eine Ebene, nämlich die feststoffliche. Zugleich scheint es, als bestünde kaum mehr eine Verbindung zu einer weiteren, mindestens so wichtigen Ebene, nämlich zum Nervensystem, zur Ebene der Lebensenergie.

Viele Menschen klagen derzeit über Nervosität, Schlaflosigkeit, Überlastung. Die Welt dreht sich immer schneller, die Nachrichten überstürzen sich, und auch im privaten Kreis ist viel Wandel zu beobachten. Daneben gelingt es immer weniger, Zeiten der Ruhe und des Stillstandes auszuhalten oder gar zu geniessen. Auch hier beobachte ich eine Polarisierung: Überaktivität auf der einen Seite, Kontaktlosigkeit auf der anderen.
Die yogische Sicht auf den Menschen lehrt uns, dass es uns nur gut geht, wenn die Energien fliessen können. Dabei ist es durchaus möglich, dass es einem auch gut gehen kann, wenn einzelne Bereiche des Körpers Probleme bereiten oder wir Sorgen haben. Gut gehen meint, dass man sich mit dem aktuellen Zustand arrangiert, sich einzurichten versteht, dass man lebendig bleibt und versteht, dass Leben immer Wandel bedeutet.
Das wird schwierig, wenn sich Gedanken verhaken, wenn sich die Sicht auf die Dinge verengt, wenn man einzelne Bereiche des Körpers oder der Gedanken und Gefühle mit dem Bewusstsein nicht mehr erreicht.
Nicht wahr, vieles von dem WISSEN wir ja. Und doch ist es manchmal so schwer, den Weg aus dem Gedankenkarussell zu finden oder Zugang zu tiefer liegenden Gefühlen.
Gerade deshalb ist eine regelmässige Yogapraxis in Zeiten wie diesen besonders wertvoll. Sie hilft uns, Schritt für Schritt aus der Überaktivität in eine gute Spannung zu kommen, aus dem Overthinking in eine ruhigere Geistesgegenwart.
Der Weg ist ebenso einfach wie bewährt: wir gehen über den Körper und die Atmung.
Dabei bleiben wir aber nicht auf der Ebene der Performance, d.h. wir versuchen nicht, möglichst gut auszusehen auf der Matte, in Wettbewerb zu gehen mit Vorbildern oder den Körper in eine Wunschform zu bringen. Vielmehr nähern wir uns ganz bewusst der Fähigkeit an, den Körper wahr-zu-nehmen, ihn wieder zu bewohnen. Um im Bild zu bleiben verlassen wir das Obergeschoss unseres Denkens und steigen hinab ins mittlere und ins Erdgeschoss und kommen so in den Genuss des ganzen Hauses.
Oft beginnen wir eine Yogalektion auf dem Boden liegend und kommen dort ein erstes Mal in bewusste Berührung mit der Atmung. Wir beginnen den Körper zu strecken und zu dehnen, werden warm und arbeiten uns so Schritt für Schritt weiter in aufbauende Haltungen oder Bewegungsabläufe. Dabei kommt die Lebensenergie ins Fliessen, die Gedanken kommen zur Ruhe, und wenn wir uns gegen Ende der Lektion wieder auf die Matte legen, spüren wir in der Schlussentspannung, dass sich Weite und Leichtigkeit ausgebreitet haben. Jetzt sind wir bereit für ausgedehntere Atemübungen und - vielleicht - für die Stille in der abschliessenden Meditationssequenz.
Es ist also der Körper, über den wir den Zugang zur Ruhe und Ausgeglichenheit finden. Dabei nutzen wir ihn aber nicht in der gewohnten Weise der Optimierung, sondern als wunderbares Instrument, um mit uns selbst in Kontakt zu kommen. Als Menschen mit einem Bewusstsein haben wir den Körper mit seinen Sinnen geschenkt bekommen um beides, verschränkt, zu nutzen.
Vielleicht erscheint es dir als zu wenig, wenn du nur einmal in der Woche in den Yogaunterricht gehst. Vielleicht wünschst du dir, mehr zu üben, besser zu werden. Das ist verständlich und bestimmt ist es besser, dreimal zu üben als nur einmal. Zugleich ist aber diese eine Yogalektion unendlich wertvoll, wenn du sie regelmässig einhältst und dich dort bewusst einlassen kannst. Sie ist wie eine Insel der Achtsamkeit, von der Ruhe ausstrahlt. Dort lernst du auch, durch stete Wiederholung, den Kontakt zu deinem Körper zu pflegen, sodass du ihn immer besser und leichter nutzen kannst als liebevollen Helfer in schwierigen Zeiten.




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