Das Tautreten, das Malen und ich
- karinfrey3
- vor 11 Minuten
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Kürzlich lernte ich eine alte Methode kennen, die uns hilft, uns zu erden, Körper und Geist gesund zu erhalten, uns insgesamt Gutes zu tun: das Tautreten. Du gehst in der Morgenkühle, vielleicht noch leicht bettwarm, hinaus in den Garten und gehst dort mit blossen Füssen während einigen Minuten durch das feuchte oder nasse Gras. Dich schaudert? Ging mir zuerst auch so, vor allem, weil ich ein elender "Gfröörli" bin. Jetzt ist Ende November, der erste Schnee lag bereits auf der Erde, und mit anhaltender Begeisterung pflege ich dieses tägliche Ritual.

Es ist der gute alte Dr. Sebastian Kneipp, der uns diesen Rat erteilte. "Drei bis fünf Minuten genügen für dieses Tautreten nach Kneipp. Es macht uns geistig wach und wirkt ausgleichend auf unser vegetatives Nervensystem, das die Atmung, Herzfrequenz, Verdauung und die Durchblutung der inneren Organe steuert.", finde ich als Erklärung bei Dr. Eberhard Volger, dem wissenschaftlichen Leiter des Kneippärztebunds.
Nun, ich lernte das Verfahren bei einem Yogaretreat kennen, und wir pflegten es nicht, um unser Immunsystem zu stärken, sondern um uns zu erden. Gerade wenn man sehr lange und intensiv Yogaasanas und Pranayama übt, wenn man schweigt und stark mit sich selbst verbunden ist, tut "Bodenständigkeit" als Ausgleich unglaublich gut.
Weil ich das Gefühl so liebte, das zurückbleibt, wenn man nachher die kalten Füsse abtrocknet, in warme Socken schlüpft und seinen Tee trinkt, nahm ich dieses Ritual mit nach Hause. Ja, und seither gehe ich jeden Morgen durchs Gras. Stelle fest, dass Frost deutlich kälter ist als Schnee, spüre, wie das Regenwasser zwischen meinen Zehen hochquillt, hebe, wie man es machen soll, die Füsse hoch und setze sie achtsam wieder ab und staune, wie tiefgehend die Begegnung mit der Erde sein kann.
Wir nähern uns den dunkelsten Tagen des Jahres, und so finden meine kleinen Barfussspaziergänge meist noch vor Sonnenaufgang statt. Damit wird die Begegnung mit dem Boden unter meinen Füssen noch intensiver, weil die visuellen Reize weitgehend ausgeschaltet sind. Dafür können innere Bilder entstehen. So tauchen plötzlich Erinnerungen an das ausklingende Jahr auf: wie ich im heissen Frühsommer im Schatten des Baumes sass und malte. Wie viele Äpfel der Baum trug. Erinnerungen an den Geschmack von Rosmarin und Thymian aus dem Kräutergarten. An die goldenen Birkenblätter, die erst vor kurzem vom Baum fielen.
Besonders beeindruckt war ich davon, dass ich mich vor allem an Augen-Blicke erinnerte, die ich malerisch oder zeichnerisch festgehalten hatte. Es waren keineswegs besonders gut gelungene Bilder oder Kunstwerke. Nein, im Gegenteil: ich erinnerte mich nicht an die Bilder, sondern an die Momente. Ganz lebendig standen sie vor mir, diese Augenblicke des Staunens, des Geniessens, des Spürens.
Offenbar habe ich mich über das Zeichnen und Malen sehr intensiv mit dem, was um mich ist, verbunden. So intensiv, dass es einen "Abdruck auf der Seele" hinterliess, der jetzt, im grauen, dunklen November wieder lebendig werden kann.
Beides, das Tautreten und das Malen, zeigen mir, um wie viel intensiver und beglückender das Leben wird, wenn man den Körper bewusst und achtsam in sein Er-Leben miteinbezieht. Ja klar, er ist immer mit dabei, dieser Körper. Aber mal ganz ehrlich: wie oft nehmen wir ihn bewusst wahr? (Einmal abgesehen von den Phasen, da er uns Schmerzen bereitet oder gepflegt werden will...)
Gerade in Zeiten wie diesen, in denen das Digitale so viel Raum einnimmt, in denen wir so viele Stunden des Tages auf Bildschirme schauen und uns vielleicht sogar manchmal verlieren in den künstlichen Welten, gerade in diesen Zeiten ist es besonders wertvoll, den Kontakt zum Echten zu suchen und zu pflegen. Reine sinnliche Erfahrungen, unaufgeregt und einfach.
Ich wünsche dir genussreiche Momente.




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