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Vertrauen und das gute Leben

Ohne Vertrauen ist das Leben schwer. Man befindet sich im ständigen Alarmmodus, muss immer auf der Hut sein, fühlt sich für alles verantwortlich. Ja klar, sonst schaut und sorgt ja keiner. Und unser Gehirn ist so programmiert, dass es uns vor Gefahren und möglichem Unglück bewahren will und die Umwelt laufend checkt auf Bedrohliches - ob wir das wollen oder nicht. Evolutionär betrachtet war diese Strategie sehr erfolgreich, denn sie hat unsere Spezies zu den Überlebenden in einer feindlichen Welt gemacht. Für unser Wohlbefinden aber ist dieser Zustand Gift, denn er bedeutet Stress und Überforderung. Das spüren vor allem die Menschen, die wenig Vertrauen in andere und in das Leben an sich haben. Wie können wir Vertauen lernen und pflegen?

Das kleine Kind erwirbt Vertrauen, indem es immer wieder erfährt, dass für es gesorgt wird. Irgendwann beginnt es Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, wenn es wiederholt erlebt, dass es herausfordernde Situationen bewältigen kann. Vertrauen muss also wachsen, sich entwickeln. Und es wächst nicht einfach so, wie beispielsweise Haare, entwickelt sich nicht automatisch. Es braucht bestimmte Gegebenheiten, damit der Mensch Vertrauen entwickeln kann. Wahrscheinlich fühlt man sich dann wohl, wenn man gleichermassen Vertrauen hat in ein Gefühl grundsätzlichen Getragenseins und in die eigenen Fähigkeiten, für sich und andere zu sorgen.


Es gibt aber auch Lebenswege, die es dem Menschen schwer oder fast unmöglich machen, Vertrauen zu entwickeln. Die Resilienzforschung interessiert sich seit Jahren dafür, was Menschen trotz widrigster Umstände dazu befähigt, ein glückliches Leben zu führen. Sie nennt 7 Säulen, auf denen die seelische Widerstandskraft ruht: Wenn es gelingt, optimistisch zu sein, unveränderbare Umstände zu akzeptieren, den Blick auf Lösungen statt auf Probleme zu richten, aktiv sein Leben zu gestalten und die Opferrolle zu verlassen, sich mit Menschen zu umgeben, die einem gut tun und sich selbst immer wieder zu reflektieren, dann hat man - auch unter schwierigsten Umständen - gute Chancen, seelisch gesund zu bleiben.


Doch wie gelingt dies? Ein Weg kann darin bestehen, die eigene Biografie zu betrachten. Der niederländische Arzt und Sozialökonom Bernard Lievegoed hat mit der "Biografiearbeit" in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Idee aufgegriffen, das Leben als persönlichen Entwicklungsweg zu verstehen. Einen Entwicklungsweg, der schon vor der Geburt begonnen hat, und über den Tod hinausführt. Damit schliesst er an viele andere spirituelle Konzepte an und gibt uns zugleich eine Methode in die Hand, mit der wir unser Leben im Rückblick verstehen lernen und es vorausblickend selbstbestimmt gestalten können. "Alles macht Sinn!" Diese Erkenntnis gewinnen Menschen, die ihr Leben interessiert und wohlwollend reflektieren. Sie erkennen, dass sowohl freudige wie auch traurige, erwünschte wie auch erzwungene Ereignisse zu einem Leben dazu gehören, und dass dahinter eine Choreografie sichtbar werden kann, die Vertrauen entstehen lässt - Vertrauen in das grosse Ganze, in das wir eingebunden sind, in die Intelligenz des Lebens und in die eigene Kraft.


Das Konzept von allgemein-menschlichen Krisenpunkten führt zu einer persönlichen Entlastung, indem man begreift, dass Krisen "dazu gehören" und einen weiterbringen können. Der Rückblick wird einem zeigen, wozu man fähig war, welche Kräfte man mitbekommen und entwickelt hat, was einen antreibt und was man loslassen will. Damit stellt sich Vertrauen ein: Selbst-Vertrauen, Welt-Vertrauen, Vertrauen in das Leben.


Vertrauen ist der Gegenspieler der Angst. Nichts kann den Menschen mehr behindern und bremsen als Angst. Und wenig kann ihn mehr stärken, als Vertrauen. Damit schliesst der Gedanke an die Überlegungen am Anfang dieses Beitrags an: an den Stress, der einher geht mit dem Gefühl, grundsätzlich bedroht und für alles selbst verantwortlich zu sein. Daraus spricht die Angst.

Besser ist es, unser Leben vertrauensvoll in die Hand zu nehmen - entspannt, zuversichtlich, lächelnd.



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