Mögen alle Wesen glücklich sein
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„Mögen alle Wesen glücklich sein.“ Dieser Satz begleitet mich in diesen Wochen - weshalb, kann ich gar nicht sagen. Vielleicht, weil gerade so viel Verrücktes geschieht. Er stammt aus der alten Weisheitstradition des Buddhismus und ist nicht nur Wunsch, sondern auch eine Einladung, unsere Haltung im Alltag bewusst zu verändern.

In meiner Arbeit als Yogalehrerin und als Coach für Biografiearbeit begegne ich immer wieder Menschen, die sich nach mehr innerer Ruhe, Klarheit und Verbundenheit sehnen. Damit teilen sie ein tiefes Bedürfnis auch von mir. Oft stehen wir uns allerdings dabei selbst im Weg: durch Selbstkritik, durch alte Muster oder durch die ständige Bewertung dessen, was ist.
Mir gefällt, dass der Satz mit dem Begriff "Wesen" über uns Menschen hinausweist und auch Pflanzen und Tiere einschliesst. Mir gefällt auch, dass er nicht definiert, was "glücklich sein" bedeutet. Für mich drückt er tiefes Mitgefühl aus mit allem, was lebt. Wenn ich dem Gedanken folge merke ich aber, dass der Wunsch „Mögen alle Wesen glücklich sein“ bei mir selbst beginnt.
Echtes Mitgefühl kann nur wachsen, wenn wir lernen, uns selbst mit Freundlichkeit zu begegnen. Nicht nur, wenn wir "es gut machen", strahlen, stark und erfolgreich sind. Dann ist es einfach, freundlich auf sich selbst zu blicken.
Herausfordernder wird es, wenn wir auch in schwierigen Momenten offen bleiben wollen und mit Freundlichkeit auf das blicken, was sich uns darbietet. Wenn wir beginnen, anderen Menschen – und uns selbst – grundsätzlich mit Wohlwollen zu begegnen, verändert sich unser Blick. Konflikte verlieren an Schärfe, Begegnungen werden authentischer, und wir spüren, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind.
Ist es nicht so, dass die meisten von uns "es" eigentlich gut machen wollen? Dass wir uns redlich bemühen? Leider gelingt es uns nicht immer. Manchmal merken wir auch erst später, was wir mit unserem Handeln oder auch Nichthandeln bewirkt haben. Wenn ich mir selbst mit Freundlichkeit begegne, ist es weniger bedrohlich, auch Misslungenes anzuschauen. Dann komme ich vielleicht mit dem verletzlichen, unsicheren und ungeschickten Teil in mir in Kontakt - und kann ihn annehmen, als das, was er ist: ein Teil meiner selbst, der zu mir gehört und auch gesehen sein will. Interessanterweise ist dies die Voraussetzung dafür, dass Lernen und Entwicklung passieren kann. Zugleich ermöglicht es dieser Zugang auch, dass ich den anderen das gleiche zugestehe: dass auch sie unsichere und ungeschickte Anteile haben, dass auch sie verletztlich sind, und dass auch ihnen manches misslingt, das anders beabsichtigt war.
Gleichzeitig erinnert uns der Wunsch "Mögen alle Wesen glücklich sein" daran, dass Glück kein isoliertes Ziel ist. Unser eigenes Wohlbefinden ist untrennbar mit dem der anderen - auch mit der Umwelt, den Tieren, den Pflanzen - verbunden. Wenn wir beginnen, diese Verbundenheit zu erkennen, entsteht eine neue Form von Verantwortung – nicht aus Druck, sondern aus einem natürlichen Mitgefühl heraus.
Vielleicht ist es genau das, was dieser Satz uns lehren kann: Glück ist nichts, dem wir nacheilen und das wir festhalten müssen. Es entfaltet sich dort, wo wir beginnen, es zu teilen. Und manchmal reicht ein stiller Moment, ein bewusster Atemzug und der einfache Gedanke:
Mögen alle Wesen glücklich sein.




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