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Die Frau in der dritten Lebensphase

Jetzt gehöre ich dazu, zu den "Golden Agers". So spricht mich die Werbung an, da ich jetzt pensioniert bin, noch unternehmungslustig und kaufkräftig. Diese Zeit dürfe ich nun geniessen und machen, wozu ich Lust habe: reisen, Ausstellungen besuchen, Bekanntschaften pflegen, Sport treiben. Doch ist das alles? Kommt da nicht noch mehr? Wohin mit all der Energie und Erfahrung? Nur in den Konsum investieren?

Die Yogaphilosophie kennt vier Lebensalter (ASHRAMAS) zu je etwa 20 Jahren: zuerst ist man Lernende*r, danach Hausherr*in. Wenn die Kinder flügge sind, der Berufsweg zu Ende geht, zieht man sich zurück - quasi in sich selbst und wird Einsiedler*in. Das vierte Lebensalter ist dem Entsagen gewidmet, man löst sich von der Welt.


Man kann die dritte Lebnsphase durchaus auch übertragen verstehen: der Mensch ist jetzt frei sich zu fragen, was er noch will. Vielleicht auch, was noch gelebt werden will, welche Seiten der Persönlichkeit noch nicht zum Zug kamen, was man noch lernen, erfahren, geben möchte. Nach einer oft anstrengenden Berufs- oder Familienphase beginnt für viele Menschen in unserem Kulturkreis eine Übergangszeit der Erholung, des sich Besinnens. Doch wenn die Kraft zurückkehrt, wenn der Kopf frei ist, wenn man merkt, dass es für das Einsiedler*in sein doch noch etwas früh ist, dann geschieht gerade in Frauenbiografien oft Erstaunliches.


Darauf aufmerksam wurde ich durch das Buch der Kunstwissenschafterin und Autorin Hanna Gagel "So viel Energie - Künstlerinnen in der dritten Lebensphase". Darin beschreibt sie Biografien von Künstlerinnen des 20. Janhrhunderts und richtet den Blick vor allem auf die Lebensjahre nach 60 und die Entwicklung des Werks in dieser Phase. (Gagel unterscheidet nicht vier Phasen, sondern drei und versteht die dritte als die letzte Lebensphase, also das Leben und Schaffen bis zum Tod).

Es scheint, als würde nach der Befreiung von häuslichen, oft auch partnerschaftlichen Verpflichtungen noch einmal eine Reifungsperiode einsetzen, die in ihrer Kraft und Deutlichkeit beeindruckend ist. Es ist, als ob das gefallen wollen, der Wunsch nach Erfolg, eine lange Zeit der Suche auch, nach einer oft nicht einfachen Übergangszeit etwas ganz urtümlich Kraftvollem weicht. Das künstlerische Werk wird noch authetischer, manchmal spröder, radikaler, immer ausdrucksstärker.


Diese geschenkten Jahre, die von der Werbung eben als "Golden Age" bezeichnet werden, beinhalten ein Potenzial an Kreativität, an Ausdruck, an Lebensenergie, die tatsächlich besser eingesetzt werden können, als im hauptsächlichen Konsum von Wellness und Lifestyle. Waren Menschen früherer Generationen mit dem Erreichen des Pensionsalters oft müde und körperlich und seelisch erschöpft, taucht in den vergangenen Jahrzehnten eben diese dritte Lebensphase mit schöpferischem Potenzial auf, schiebt sich zwischen das Erwerbsleben mit seinen Verpflichtungen und das hohe Alter, das nach Ruhe, Pflege und Rückzug ruft.


Vielleicht braucht es einen veränderten Blick auf die Lebensjahre zwischen 60 und 80. Einen Blick, der Ausschau hält nach dem Ausdruck des eigenen Lebens, nach dem Ureigenen, nach all dem, was noch erschaffen werden will. Das müssen nicht unbedingt Kunstwerke oder kreative Arbeiten sein. Oft sucht sich dieses Eigene aber eine Ausdrucksmöglichkeit im schöpferischen Tun. Selbst im Fall körperlicher Beeinträchtigungen und deutlicher Altersbeschwerden ist nicht selten zu beobachten, wie im Rahmen des Möglichen Eigenes erschaffen werden will.


Mir erscheint es nicht einfach, nach den Jahren der Pflichterfüllung, des Dienstes an anderen, des Meisterns von Herausforderungen, der Suche nach Anerkennung und Sicherheit die Blickrichtung zu ändern, das zu suchen, was auch noch in einem ruht und gelebt werden will. Doch jetzt haben wir eine neue, unbezahlbare Ressource: Zeit. Nutzen wir sie, indem wir sowohl nach innen wie auch nach aussen schauen mit klarem, ruhigem Blick. In uns selbst können wir unser Potenzial, unsere Wünsche erkennen. Meditation und Stilleübungen können dabei unterstützen. Im Aussen helfen uns Biografien anderer Menschen oder auch Impulse, die in Form von Aufforderungen oder Bitten an uns heran getragen werden. Je nach Vorlieben (und die Liebe zu etwas, das Interesse sind wesentliche Gehilfen beim Auffinden von Inhalten und Ausdrucksformen) öffnen uns auch Ausstellungen, Filme, Interviews mit interessanten Menschen die Augen dafür, was auch noch möglich ist und realisiert werden will.



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