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Gelassen, präsent und klar in herausfordernden Situationen

Wie es gelingt, sich vorzubereiten auf herausfordernde Situationen im Berufsalltag, in denen Entscheidungen zu treffen sind? Ein Erfahrungsbericht aus der Weiterbildung und Beratung von Lehrerinnen und Lehrern.



Lehrerinnen und Lehrer stehen mehrmals am Tag herausfordernden Situationen gegenüber. Das Geschehen in der Klasse ist unvorhersehbar, Kinder überraschen. Immer wieder entstehen Dynamiken, die potenziell ungünstig sind, die zu Streit, Verweigerung, Konflikten führen können. Dass ungestörtes Lernen weiterhin möglich ist oder wieder möglich wird, hängt grossteils vom geschickten Reagieren der Lehrerin im Moment ab. Unübersichtlichkeit, Geschwindigkeit und Flüchtigkeit des Geschehens machen es dabei meist unmöglich, sich in Ruhe zu überlegen, was zu tun sei. Vielmehr heisst es, unter Druck, oft sogar in einer Stresssituation gelassen zu bleiben und aus grosser Präsenz heraus Klarheit und Orientierung zu geben.

Wie kann dies gelingen?


Seit Jahren leite ich Weiterbildungen für Lehrerinnen und Lehrer zu Fragen der Klassenführung, des Umgangs mit Konflikten im Klassenzimmer und im Schulgeschehen. In Beratungssituationen zu eben diesen Themen fällt mir auf, wie gross der Druck ist, unter dem viele Lehrpersonen mit herausfordernden Schulklassen stehen. Sie fürchten, dass die Situation eskaliert, dass sich unzufriedene Eltern melden, die Schulleitung Besserung einfordert – und dies alles zu Recht. Aussenstehenden wie mir fällt ebenfalls auf, dass diese Lehrpersonen auch in Reflexionsmomenten kaum mehr zugreifen können auf ihr Wissen und auf ihre Erfahrungen. Auch reagieren sie auf wohlgemeinte Ratschläge ablehnend und empfinden durchaus angemessene Hilfestellungen als zusätzliche Stressoren, die sie mit vielen «Ja, aber…»-Argumenten von sich weisen.

Was ist zu tun?


Stress ist eine Berufskrankheit im Lehrberuf, wie Rückenprobleme die Berufskrankheit von Menschen sind, die auf dem Bau arbeiten. Stressempfinden ist dabei nach Richard Lazarus hoch subjektiv und entsteht, wenn man das Gefühl hat, der Situation nicht gewachsen zu sein. Dabei ist es unerheblich, ob diese Einschätzung objektiv zutrifft. Entscheidend ist das subjektive Empfinden. In Stresssituationen reagiert nicht nur der Körper spezifisch und unkontrollierbar, sondern auch die Wahrnehmung wird verengt, das Verhalten wird standardisiert. Man greift zurück auf Flucht- oder Kampfstrategien, oft auch wider besseren Wissens – einfach, weil Menschen unter Druck reflexartig reagieren.


Bei meinen eigenen Weiterbildungen und Beratungen habe ich diesem Umstand anfänglich zu wenig Rechnung getragen. Ich habe ausser Acht gelassen, dass Lehrpersonen auch in der Beratungs- oder Weiterbildungssituation dieses Stressempfinden mit sich tragen, und eigentlich noch nicht in der Lage sind, ihre Verteidigungs- und Abwehrmauern zu durchbrechen. Erst als ich auf anderen Wegen begann, die klassischen Weiterbildungsthemen zu kombinieren mit Yoga- und Meditationsübungen, wurde es möglich, innert kürzester Zeit ungute Reaktionsmuster zu erkennen und zu benennen. So fanden die Lehrpersonen Zugang zu ihrem Wissen und ihren Erfahrungen, konnten eigene unproduktive Muster erkennen und Alternativen dazu skizzieren und fanden Ansätze für Prävention.


Entspannte Menschen können das Gegenüber und sich selbst besser wahrnehmen, besser denken, sind offener für Neues. Daher empfehle ich allen Menschen, die sich in beruflichen Stresssituationen befinden und wichtige Entscheidungen zu treffen haben, für Entspannung zu sorgen. Dazu diese kleine Geschichte:


Eine Frau geht im Wald spazieren. Nach einer Weile sieht sie einen Holzfäller, der hastig und sehr angestrengt dabei ist, einen auf dem Boden liegenden Baumstamm zu zerteilen. Er stöhnt und schwitzt und scheint viel Mühe mit seiner Arbeit zu haben. Die Spaziergängerin geht etwas näher heran, um zu sehen, warum die Arbeit so schwer ist. Schnell erkennt sie den Grund und sagt zum Holzfäller: „Guten Tag, ich sehe, dass Sie sich Ihre Arbeit unnötig schwer machen. Ihre Säge ist ja ganz stumpf, warum schärfen Sie sie denn nicht?“ Der Holzfäller schaut nicht einmal hoch, sondern zischt durch die Zähne: „Dafür habe ich keine Zeit, ich muss doch sägen!"

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