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Von Fülle umgeben- weshalb sorgen wir uns denn?

"Es gibt genug für alle." Das sagt uns eines der wichtigsten Mantras des Yoga. Das PURNAM-Mantra lehrt uns, dass wir von Fülle umgeben sind, und dass, wenn man von der Fülle etwas weg nimmt, immer noch Fülle bleibt. Fülle eigentlich als normaler Urzustand. Kann das sein? Mittsommer, die Zeit der Fülle, ist ein guter Zeitpunkt, um darüber nachzudenken. Und herauszufinden, wie wir ins Vertrauen kommen können.

Einer der ältesten Texte der Menschheit, die ISHA-Upanischad, wird eingeleitet von diesen Worten:

"Jenseits ist Fülle, diesseits ist Fülle,

aus Fülle kommt Fülle hervor.

Nimmt man die Fülle aus der Fülle, so bleibt nichts als Fülle."

Dieses Mantra ist eine Erinnerung daran, dass alles immer und jederzeit vollständig und ganz ist. Diese Ganzheit und Fülle von Moment zu Moment zu erfahren, ist eines der Ziele des Yoga. Das bedeutet nicht, dass immer alles und zu jeder Zeit für jeden Menschen zu haben ist. Oh nein! Aber es ist da. Der Weg zur Zufriedenheit besteht darin anzunehmen, was ist und zugleich zu erkennen, was auch noch sein kann. Und sich zu fragen, wie man das Gefühl des ständigen Mangels überwinden oder besser gesagt hinter sich lassen, und dem fehlenden Teil die Türe öffnen kann.


Wie kann es dann sein, fragst du dich vielleicht, dass Menschen Hunger leiden? Dass es bittere Armut gibt?


Ich wage zu behaupten, dass genügend für alle da ist. Nur wird auf der einen Seite gehortet, verschwendet, gierig gehütet, während woanders das Allernötigste fehlt. Selbst in einem sicheren und wohlhabenden Land wie der Schweiz erfahren sich offenbar Menschen in einem Zustand des Mangels, sodass sie ein Gefühl der (scheinbaren) Sicherheit erzeugen müssen durch das Anhäufen von Materiellem, aber auch von Prestige, Ehre und ähnlichen immateriellen Gütern. Und ebenso offenbar erfahren sie dadurch keine Befriedigung, denn sonst könnten sie ja damit aufhören.


Vielleicht liegt dieses sinnlose und zerstörerische Verhalten daran, dass wir Menschen so verletzlich sind. Kein Raubtiergebiss hilft uns, uns zu verteidigen, wenn es hart auf hart kommt. Und wahnsinnig schnell laufen können wir auch nicht, wenn wir uns aus einer bedrohlichern Lage retten wollen. Wir haben keinen Panzer, der uns schützt, und keine Tarnfarbe, die uns unsichtbar werden lässt. Allerdings kann das keine Ausrede dafür sein, dass wir in Kauf nehmen, unsere Erde und grosse Teile der Menschheit, der Pfanzen- und der Tierwelt deswegen zu zerstören.


Was ist also zu tun?


In der Regel können wir Veränderungen in erster Linie bei uns selbst in die Wege leiten. "Wenn man den Menschen in Ordnung bringt, kommt auch die Welt in Ordnung", sagt ein altes Sprichwort. Machen wir uns also daran zu erkennen, was uns wirklich zufrieden macht und ein Gefühl der Sicherheit vermittelt, sodass wir aufhören können, Dinge anzuhäufen, die wir nicht brauchen. Vielleicht erfahren wir dann sogar erstmals, wie sich ein Gefühl der Fülle wirklich anfühlt.


Hier einige Tipps, die dich dabei unterstützen, dich mit der Fülle, die um uns ist, zu verbinden und sie einzuladen in dein Leben.

  • Sorge dafür, dass du ein Gespür für Fülle bekommst. Der einfachste Weg dazu ist die Dankbarkeit. Schreibe dir jeden Abend fünf Dinge auf, für die du dankbar bist, wenn du an den Tag zurückdenkst. Du wirst staunen, was da alles zusammenkommt.

  • Schaffe Ordnung und Klarheit in deiner Umgebung. Räum auf, miste aus, verschenke Dinge, die du nicht brauchst. Leere und Fülle bedingen einander. Erst wenn du Raum schaffst, kannst du das wertschätzen, das du hast.

  • Öffne dein Herz. Lass dich berühren von all dem, das dich umgibt - sei es Freudiges, sei es Leidvolles. Das Leben ist so reich. Ein offenes Herz erlaubt dir zu fühlen und auch wirklich zu schauen. Du wirst staunen, was du bisher alles übersehen hast.

  • Begib dich in die Natur und hole sie zu dir in deine Umgebung. Sie ist ein Füllhorn und führt dich ein in den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens, und in das, was Fülle bedeutet. Ist dir schon einmal aufgefallen, dass es beispielsweise nicht nur eine rosarote Blütenart gibt, sondern fast unendlich viele verschiedene? Verschwenderisch wird alles ausgebreitet und vermehrt sich immerzu.

  • Gönn dir kreative Momente, auch wenn du keine Künstlerin, kein Künstler bist. Werde dir klar, dass unendlich viele Geschichten noch nicht geschrieben sind, dass unendlich viele Bilder nicht gemalt, Verse nicht gedichtet, Gegenstände nicht geschnitzt, Muster nicht gestrickt und Problemlösungen nicht erfunden worden sind. Wird dir dabei nicht fast ein wenig schwindlig? Fülle, wohin wir schauen. Wenn wir uns nicht auf den Mangel konzentrieren.


Damit wir uns als Mensch gut entwickeln, müssen wir uns dem universalen Energiefluss öffnen. Dann spüren wir auch, dass alles zusammenhängt. Dass wir uns alles teilen, und dass genug da ist für alle. Die Welt da draussen spiegelt wider, wie wir mit uns selbst umgehen. Sind wir in Frieden mit uns selbst, oder sind wir uns selbst der grösste Feind? Gehen wir achtsam mit den Ressourcen um, die wir uns alle teilen? Respektieren wir unsere Grenzen, oder setzen wir uns darüber hinweg? Begegnen wir Neuem mit Vertrauen oder mit Misstrauen?


Ich wünsche dir, dass du Fülle erfährst. Und ich wünsche dir, dass du staunen kannst darüber. Denn Staunen ist eine prima Sache. Probier es aus!





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