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Stabilität, Erdung, Kraft

Es sind unsere Füsse, die täglich auf der Erde stehen. Über sie erfahren wir Stabilität, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Wir "stehen mit beiden Füssen auf dem Boden", sind "bodenständig", wenn wir unser Leben gut bewältigen. Und "es zieht uns den Boden unter den Füssen weg", wenn uns etwas Schreckliches geschieht. Kein Wunder also, dass ein Erdbeben mit zu den verstörendsten Erfahrungen der Menschen gehört, das tief sitzende Verunsicherungen auslösen kann. Stabilität und Erdung sind tief sitzende Bedürfnisse der Menschen, die wir bewusst nähren können.

Wir sind Kinder der Erde, unser Leib ist geformt aus Erdelementen, und nach unserem Tod zerfällt der Körper wieder zu Erdstaub. Unsere Nahrung beziehen wir aus der Erde, und ohne die magische Anziehungskraft, die tief im Inneren der Erde wirkt, wären wir nicht lebensfähig. Das mag erklären, weshalb wir uns so elementar mit Mutter Erde verbinden wollen und uns so verloren fühlen, wenn dieser Kontakt fehlt.


Vielleicht war es früher einfacher, kraftvoll und stabil im Leben zu stehen, als die Menschen über ihre Tätigkeiten und Lebensformen noch näher an die Erde gebunden waren. Heute ringen viele um Stabilität, vermissen und suchen Erdung und damit den Anschluss an Lebenskraft und Energie, was sicherlich auch mit unserer modernen Lebensweise zu tun hat.

Doch wie finden wir diesen Anschluss an die Kraft, diese Verbindung mit Mutter Erde, die uns so gut tut und uns so schwächt, wenn sie fehlt?


Nebst der bewussten Naturbegegnung können wir ganz viel dafür tun, indem wir uns unserem Stand zuwenden. Viele Standhaltungen des Yoga verlangen eine Ausrichtung und Verankerung in den Boden hinein. Wunderbarerweise unterstützt diese Verankerung eine Weitung des Herzens, Aufrichtung und ein Gefühl innerer Freiheit. So lassen uns beispielsweise alle drei Heldenhaltungen (VIRABHADRASANA 1 bis 3) Stabilität, Kraft und Erdung erfahren.


Yogaübungen haben nebst dem körperlichen immer auch einen energetischen Aspekt. Es ist der unterste Bereich unseres Rumpfes, der die elementaren Lebenskräfte im Wurzelchakra beherbergt. Gelingt es uns, diesen energetischen Raum zu erfahren, können wir uns verbinden mit Gefühlen der Beheimatung, der Verbundenheit, der Stabilität.


Stabilität entsteht, wenn sich kraftvolle Eigenständigkeit verbindet mit Flexibilität. Das lehrt uns jeder Baum, der den Windkräften ausgesetzt ist. Ohne Nachgeben, ohne Weichheit artet Ausrichtung aus in Starrheit. So braucht Erdung nebst der Bildung starker (energetischer) Wurzeln und eines stabilen Standes auch das Bewusstsein unserer Abhängigkeit von der Erde und damit eine gewisse Demut. Sie bewahrt uns vor Überforderung, vor Erschöpfung, hilft uns, uns wo nötig anzulehnen, vertrauensvoll abzugeben, was wir nicht stemmen können.


Deshalb verbinden wir im Yogaunterricht manchmal Sequenzen kraftvoller Standhaltun-gen mit Folgesequenzen, die den ganzen Körper auf den Boden bringen und dort Hingabe erfahrbar werden lassen.


Das Schöne an unserem Leben ist, dass die Erde immer in unserer Nähe ist. Wir können jederzeit Kontakt mit ihr aufnehmen, uns mit ihr verbinden und so Kraft schöpfen.




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